Zwischen Amok und Alzheimer, Teil 1

Zurückliegend: Veranstaltung vom 25. April 2017

Menschen fahren mit ihren Autos in Menschenmengen, Schüler schießen in der Schule um sich, Piloten lassen Flugzeuge abstürzen… scheinbar grundlose Gewalt greift um sich.

Warum, was ist los in dieser Welt??

Ein ehemaliger Knastpsychologe aus Gießen namens Götz Eisenberg hat eine Sammlung von kurzen Texten unter dem Titel »Zwischen Amok und Alzheimer: Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus« veröffentlicht. Unsere Gesellschaft bewegt sich heute zwischen den beiden Polen einer ziellosen Aggression und einer Kultur des Vergessens – Demenz als Ausdruck einer völligen Ent-Persönlichung.

Es gelingt ihm, Alltagsbeobachtungen als Ausgangspunkt des Nachdenkens über gesellschaftliche Entwicklungen zu nutzen. Insofern eignet sich das Buch sehr gut als Anregung für eine Diskussion.

Den Bogen, den er in seinem Buch schlägt, wollen wir in zwei Teilen verfolgen:

Am ersten Abend am 28.04. beschäftigen wir uns mit dem Thema »Amok«.

Die Medien verbreiten ein Bild, dass um unsere ruhige und sichere Insel BRD (vielleicht noch die ganze EU) herum irre Barbaren leben, die hier einzubrechen versuchen, um sich im Namen ihres Gottes in die Luft zu sprengen. Dagegen helfe nur noch mehr Krieg, noch mehr Soldaten und Polizei.

In diesem Bild stimmt, dass immer mehr Regionen dieser Welt von Krieg erfasst werden. Aber es fehlt nicht nur, dass diese Gesellschaftszerstörungen aktiv von hier aus mit in Gang gesetzt werden: Es fehlt auch der Blick darauf, dass diese Amokläufe in unserer Gesellschaft gründen. Vor ein paar Jahren waren es deutsche Jugendliche, die in Schulen um sich schossen, wie etwa in Emsdetten und Winnenden. In diesen Fällen lautete die Diagnose »Einzeltäter mit psychischer Störung« und die Therapie eine unwesentliche Verschärfung von Waffengesetzen und Verteufelung von Ego-Shooter- Spielen. Neu ist an den sog. »Terroranschlägen« der beiden letzten Jahre vielleicht nur, dass nun auch Migranten Amok laufen…

Götz Eisenberg begreift Krankheiten als Ventile, die die Gesellschaft dem Einzelnen für sein Leiden zur Verfügung stellt: Alle Krankheiten sind letztlich Spiegelbilder gesellschaftlicher Verhältnisse, vor allem psychische. Als bezeichnend sieht die »Psychopathie« an: Bei den einen werden ihre Kennzeichen wie fehlendes Mitleid, Tunnelblick, extreme Ich-Bezogenheit als Voraussetzungen für Erfolg wahrgenommen, bei anderen als genetische Voraussetzung für’s Scheitern. Die einen sitzen im Aufsichtsrat und sind gesellschaftliche Leitbilder, die anderen sitzen im Knast.

Das passende Spiegelbild ist die massenhafte Medikalisierung aller Gefühle persönlicher Bindungen: Zwei Wochen nach dem Tod der Eltern immer noch traurig? Tsss…, »Anpassungsstörung« und im Anschluss »Depression«, Psycho-Pillen inklusive.

Der amerikanische Journalist Mark Ames stellt die in den 80er Jahren aufkommende Welle von Amokläufen an Arbeitsplätzen und Schulen in den Zusammenhang des Neoliberalismus: Die Orte der Massaker in den USA waren vor allem die privatisierten Betriebe des Öffentlichen Dienstes und die Schulen, wo man von klein auf die Anforderungen der Marktwirtschaft eingebimst bekommt. Er interpretiert Amok als Ausdruck eines verzweifelten Widerstandes.

Ed Vulliany kritisierte diese Deutung; Ames übersehe, dass nicht jeder Amok laufe, sondern überwiegend weiße männliche Jugendliche – also gerade nicht diejenigen, die am meisten unter dem Druck der Gesellschaft leiden. Vor allem deshalb treffe es nicht zu, diese destruktiven Akte als Keimlinge eines neuen Widerstandes zu sehen.

Wir werden Passagen aus dem Buch von Götz Eisenberg vorlesen und hoffen auf eine rege Diskussion!

»Gestörte Einzeltäter«?

Amok und Terror könnten zur Signatur des neoliberalen Zeitalters werden

In: Junge Welt vom 11.08.2016

Artikel

Amoklauf als Zeichen der Rebellion

Mark Ames: Going Postal. Rage, Murder and Rebellion in America, New York 2006, London 2007

Deutschlandfunk, 27.03.2009

Artikel

Wut auf den amerikanischen Traum

Mark Ames’s „Going Postal“ bietet eine postmoderne Perspektive auf den Mord am Arbeitsplatz, sagt Ed Vulliamy

The Guardian, 21. Januar 2007

Artikel

Am Dienstag, 25. April 2017
19:30 Uhr im Mieterpavillon
Friedrich-Naumann-Str. 7
Hamburg-Heimfeld

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