Pierburg: Ihr Kampf ist unser Kampf

Buchvorstellung „Wilder Streik – Das ist Revolution. Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973“ von Dieter Braeg und Dokumentarfilm (Regie: Edith Schmidt, David Wittenberg)

Dienstag, 30.Juli 2019 — — — 19.30 Uhr im Mieterpavillon — — — Friedrich-Naumann-Str.7

13. August 1973: Weil sie trotz harter Akkordarbeit nach der untersten Lohngruppe 2 bezahlt werden (4,70 DM pro Stunde), starten die migrantischen Arbeiterinnen bei dem Neusser Vergaserhersteller Pierburg für fünf Tage einen »wilden Streik«. Von den insgesamt 3800 Beschäftigten sind 70 Prozent Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die Mehrzahl davon Frauen. Die Arbeitsmigrantinnen demonstrieren gegen die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen, fordern »Eine Mark mehr« und treten insgesamt für bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen ein. Nach und nach schließen sich die deutschen Kolleginnen an, und die Stimmung auf dem Pierburg-Gelände erlangt zuweilen Festcharakter. Erst als klar wird, dass die Streikenden dabei sind, die gesamte deutsche Automobilindustrie lahmzulegen, kommt es zu ernsthaften Verhandlungen zwischen Belegschaft und Werksleitung: die Leichtlohngruppe 2 wird abgeschafft, der Lohn erhöht.

1609_Pierburg_1Der Film dokumentiert den Streik. Edith Schmidt-Marcello und David H. Wittenberg haben das Material, das während des Streiks von unterschiedlichen Akteurinnen vor Ort gedreht wurde, in Absprache mit den Streikenden montiert und mit eigenen Filmaufnahmen ergänzt.

ergänzende Texte:

Wilder Streik bei Pierburg: Freudentänze mit Facharbeitern
14. August 2018

Vor 45 Jahren traten die Arbeiterinnen der Neusser Vergaserfabrik Pierburg in den Ausstand. Der damalige stellvertretende Betriebsratsvorsitzende erinnert sich an einen der legendärsten Streiks der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte

Dieter Braeg arbeitete von 1971 bis 2004 beim Automobilzulieferbetrieb Pierburg in Neuss. Hier war er zehn Jahre im Betriebsrat tätig. Zum vierzigsten Jahrestag des Pierburg-Streiks hat er einen Sammelband mit historischen Dokumenten zum Streik von 1973 herausgegeben.

Dein Buch über den Arbeitskampf bei Pierburg heißt »Wilder Streik – Das ist Revolution«. Was hat es mit dem Titel auf sich?

Der Titel geht auf eine Aussage des damaligen Polizeidirektors von Neuss gegenüber einem Journalisten zurück. Mit dem Verweis auf den »revolutionären Charakter« des Streiks versuchte er, die brutalen Übergriffe der Polizei gegen die Arbeiterinnen zu rechtfertigen. Bereits unmittelbar bei Streikbeginn zur Montagsfrühschicht um sieben Uhr hetzte die Firmenleitung über Notruf die Polizei auf die Arbeitsunwilligen vor den Werktoren. Die setzte Knüppel gegen die Kolleginnen ein. Die Staatsmacht schätzte die Streikbewegung als so gefährlich ein, dass sie bereit war mit repressivsten Methoden dagegen vorzugehen.
(…) Link zum kompletten Artikel

Link zu Sonderseite zum Buch und Film bei Labournet Deutschland, mit Rezensionen, Filmausschnitten etc.

Nationaler Wahn oder EU – Diktatur?

Vorstellung und Diskussion des Buches „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780“ vom Historiker Eric Hobsbawm

Dienstag, 25.Juni 2019 — — — 19.30 Uhr im Mieterpavillon — — — Friedrich-Naumann-Str.7

Manchmal scheint sich nur die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub aufzutun: Auf der einen Seite eine kaum kontrollier- und reformierbare EU- Zentralregierung in Brüssel und auf der anderen Seite sog. „Populisten“, die für einen neuen Konkurrenzkampf der Nationen rüsten. Doch warum gleichen sich in vielen Punkten diese scheinbaren Gegensätze?
1906_MarianneWir fragen uns dagegen: Wie sähe ein Europa und eine Welt aus, die sich weder in Nationen teilt, noch eine zentralisierte Technokratie wäre?
Grundgedanken
Die EU ist keine Institution, die die Einteilung der Welt in Nationalstaaten überwindet, sie ist ein Zusammenschluss von Nationalstaaten. Als solcher lebt sie von den Ungleichheiten ihrer Mitglieder, einem prosperierendem Zentrum und einer wegdriftenden Peripherie. Sie lebt davon, dass Menschen aus dem einen Land in ein anderes gehen, um dort für wenig Geld zu arbeiten. Wenn sich die Löhne angleichen, stellt sie das Gefälle wieder her, indem sie sich um noch ein verarmtes Land erweitert oder Menschen von noch weiter her anwirbt. Um diese Struktur aufrechtzuerhalten, zerstört sie die bisherigen (nationalen) Sozialsysteme und öffentliche Infrastruktur durch den Zwang zu Privatisierungen und Wettbewerb, rüstet sie im Inneren die Polizei immer weiter auf und nach außen das Militär. Sie will Vorreiterin und Mitspielerin in einer Welt sein, die von einigen Machtblöcken beherrscht wird.
Ihre Legitimation ist die einer sog. Europäischen Wertegemeinschaft mit Idealen wie Toleranz, Frauengleichberechtigung und Menschenrechte. Werte, in deren Namen immer mehr Länder in Schutt und Asche gebombt werden. Insofern treffen sich die »Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« mit dem Konsens innerhalb der liberalen Eliten…
Auch europäische Nationalisten stehen nicht außerhalb der EU und träumen von einem unabhängigen Groß-Polen, -Ukraine, -Österreich oder Deutschland. Sie bewegen sich alle im und um den Kosmos der Europäischen Union und wollen für ihre Klientel die Ausgangsbedingungen im Wettbewerb verbessern.1906_Nationen_Buch

Der 2012 im Alter von 95 Jahren gestorbene Historiker Eric Hobsbawm hätte sicherlich auch keine Lösung parat, aber er bietet in seinen Darlegungen zur Geschichte des Nationalstaates und des Nationalismus‘ Anregungen zum Nachdenken über diese Begriffe und die dahinter stehenden Konzepte!

Hier ein Link auf eine pdf-Version des Buches!

 

Existenzgeld, Bedingungsloses Grundeinkommen, Bürgergeld…

Diskussionsveranstaltung am Dienstag, 28.Mai 2019, 19.30 Uhr
Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

190528_arbeitslos

Zeitschrift der Westberliner Haschrebellen, Anfang der 1970er

Ein sicheres Einkommen ohne Arbeit – wer könnte da schon „nein“ sagen?? Seit Jahren geistert immer wieder die Idee eines steuerbasierten Grund-einkommens durch das Land. Jede und Jeder soll unabhängig von den Zwängen des Marktes und der Drangsalierung durch die staatliche Arbeitskräfte-verwaltung ihr/sein (Über-)Leben garantiert bekommen.
Linke begründeten vor 40 Jahren die Notwendigkeit eines sog. Existenzgeldes mit der Erwartung technologischer Rationalisierung und nachfolgender Massenarbeitslosigkeit bei gleichzeitig enormem gesellschaftlichen Reichtum:

Uns eint, dass wir wissen: Angesichts einer Rekorderwerbslosigkeit von vier Millionen Menschen und einer massenhaften „Unterbeschäftigung“ von weiteren Millionen sind radikale Lösungen nötig, ohne der Illusion aufzusitzen, die Erwerbslosigkeit beseitigen zu können. Und das Existenzgeldkonzept ist eine einfache, aber zugegeben radikale Lösung und für uns ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit.“ (Bundesarbeitsgemeinschaft der Erwerbslosen- und Sozialhilfeinitiativen BAG-SHI – siehe Link)

Unternehmer dockten Jahre später an den Gedanken struktureller Massenarbeits-losigkeit an; einige meinten, ein garantiertes Grundeinkommen würde die Kreativität der Arbeitskräfte freisetzen und ihnen ermöglichen, vor allem in wenig rationali-sierungsfähigen Bereichen „Beschäftigung“ statt Lohnarbeit zu finden und sich so verwirklichen zu können, etwa in der Pflege, Kinderbetreuung oder der Öffentlichkeit dienenden Tätigkeiten:
Weil ich ein Mensch bin, habe ich ein ganz grundlegendes Menschenrecht. Mein Menschenrecht ist zu leben. Und erst wenn ich leben kann, kann ich auch arbeiten. Das Grundeinkommen ermöglicht die Arbeit. Das ist der entscheidende Punkt dabei. Mit einem BGE wird nicht die Arbeit bezahlt, sondern es ermöglicht sie erst.“ (Der Boss der Drogeriekette DM, Goetz Werner in einem Interview im Juli 2018 – siehe Link)

Werner vertritt eine Variante, in der alle Sozialversicherungen durch das sog. Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ersetzt und dieses allein durch massiv erhöhte Verbrauchssteuer finanziert werden soll. Damit werden vor allem die Arbeitgeber entlastet, da sie keine Beiträge zu Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung zahlen müssten. Andere unternehmensnahe Grundeinkommensideen setzen auf die negative Einkommenssteuer, bei der ein pauschaler Einkommenssteuersatz festgelegt und bei Lohnbezug die fällige Einkommenssteuer mit dem jedem zustehenden Bürgergeld verrechnet würde.

Das Bürgergeld verstößt gegen die Gerechtigkeit, weil die Gerechtigkeit verlangt, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Bürgergeld und Kopfpauschale dagegen behandeln Ungleiches gleich. Der Chauffeur und sein Chef zahlen die gleiche Pauschale und erhalten das gleiche Bürgergeld. Das widerspricht allem, was ein der gesunde Menschenverstand unter Gerechtigkeit versteht.

Das hat zwar der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) gesagt, doch einiges an seiner Argumentation ist sicher nach wie vor interessant („Grundeinkommen: Wahnsinn mit Methode“, in: DIE ZEIT, 19.04.2007 – siehe Link)
Blüm ging es um zweierlei: Zum einen um den Erhalt des Sozialstaates als Garant für individuell erarbeitete Versicherungsleistungen. Zum anderen aber sah er die Gefahr voraus, dass der Staat niedrige Löhne staatlich subventioniert („Auf die unteren Lohngruppen muss fortan in den Unternehmen nicht mehr geachtet werden. Der Staat bezahlt einen Mindestlohn“) und so den Unternehmern Geld sparen hilft, während die Bezieher solcher Löhne plusminus Null hätten.

Die in den letzten Jahren auf den politischen Tisch gelegten Modelle zielen in erster Linie auf die Verbilligung des „Faktors Arbeit“ für die Unternehmen und fügen sich damit in den neoliberalen Wettlauf ein. Durch die deutlichen Einschränkungen von Sozialversicherungsleistungen bei Krankenversicherung und Rente sowie die Ersetzungen der früheren Arbeitslosenhilfe durch Hartz IV als staatliche Grundsicherung sind die Weichen gestellt.

Wir wollen in unserer Veranstaltung mehrere kursierende Modelle eines Bürgergeldes vorstellen. Auf dieser Grundlage wollen wir diskutieren; weniger über ihre konkrete „Bezahlbarkeit“, sondern über

… den Zusammenhang zwischen Sozialpolitik und Arbeit(markt) / Sozialleistungen und Löhnen: Können und sollen staatliche Sozialleistungen sinkende Löhne ausgleichen?

… die Anspruchsbasis für ein solches Existenzgeld: Käme tatsächlich jede/r – z.B. auch MigrantInnen – in den Genuss solcher Transferleistungen?

… unsere eigenen Vorstellungen darüber, wie gesellschaftliche Gerechtigkeit erreicht werden könnte.
Zum Weiterlesen:
Darstellung verschiedener Modelle des Grundeinkommens: Bundeszentrale für Politische Bildung: „Grundeinkommen?“; Ausgabe 51 / 52 „Aus Politik und Zeitgeschichte“ – siehe Link

Liste mit Positionen von Parteien, Kirchen u.ä. Organisationen zum Grundeinkommen beim Netzwerk Grundeinkommen Hamburg – siehe Link

Kritische Bewertungen des Grundeinkommens:
Ralf Krämer: „Eine illusionäre Forderung und keine soziale Alternative – Gewerkschaftliche Argumente gegen das Grundeinkommen“, Oktober 2018 – siehe Link

Christoph Butterwegge: „Das bedingungslose Grundeinkommen: Basiselement eines Sozialstaates 4.0? Die Risiken und Nebenwirkungen eines Systemwechsels in der Wohlfahrtspolitik“ – siehe Link

Lesung: Stefan Heym – Ahasver

Freitag, 26.April 2019 – 19.30 Uhr

MehrWertKultur, Nobleestr.13a

Doch alles nur ein Traum?! Heyms Roman »Ahasver« dreht sich um die Frage nach einer Revolution des Menschen gegen die vorgegebene Ordnung. Dazu benutzt er einen religiösen Stoff, die Legende von Ahasver. Mittelalterliche Sagen erzählten von einem Mann, der Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung verweigerte, sich bei ihm ausruhen zu dürfen. Dafür verurteilte ihn Jesus, bis zum Jüngsten Gericht ruhelos durch die Welt zu wandern. In der Reformationszeit um 1600 wurde aus ihm ein Jude namens Ahasver – daraus wurde die Figur des »Ewigen Juden« gebastelt, der Unheil stiftet.

AhasverBei Heym gehört Ahasver zur Gruppe der Engel, die sich weigerten, den Menschen angesichts seiner offensichtlichen Unvollkommenheit als Ebenbild Gottes anzuerkennen und zu verehren. Dafür wurden sie aus dem Himmel vertrieben. Luzifer (der »Lichtbringer«, der Sohn des Morgensterns) sieht den Menschen und die Ordnung der Schöpfung von Anfang an als gescheitert an; seine Schlussfolgerung darauf: Alles muss weg. Deshalb stellt er sich auf die Seite der Ordnung und verstärkt ihre schlimmen Seiten. Er treibt die Widersprüche voran, um das notwendige Ende zu beschleunigen. Ahasver dagegen verkörpert den durch die Geschichte hindurch nie verstummenden Ruf nach Revolution.

Die von Heym entwickelte Geschichte spielt sich auf drei Ebenen ab:

Die erste ist die biblische. In der treten Ahasver, Luzifer, Jesus und Gott auf. Auf der zweiten begegnen wir dem Protestanten Paul von Eitzen, einem gar unsympathischen Opportunisten, Karrieristen und Heuchler. Auf der Reise nach Wittenberg zum Studium bei Luther trifft er auf Hans Leuchtentrager (!), der ihm im Weiteren auf wunderbare Weise immer wieder in brenzligen Situationen aus der Patsche hilft. Eitzen macht seinen Weg, der gelegentlicht von Ahasver gekreuzt wird. Schließlich wird er der geistliche Statthalter des Herzogs von Gottorp. Die dritte Ebene schließlich ist ein Briefwechsel zwischen einem Wissenschaftler am »Institut für wissenschaftlichen Atheismus« der DDR und einem israelischen Wissenschaftler namens Jonachaan Leuchtentrager (ahh!) über die Frage, ob es den »Ewigen Juden« wirklich gibt.

Nur soviel sei verraten: Die Geschichte beginnt mit dem Sturz der Engel Luzifer und Ahasver und endet mit dem Ende von allem…

Stefan Heym wurde 1913 in Chemnitz als Helmut Flieg als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren und starb 2001 in Israel. Er engagierte sich früh gegen die örtlichen Nationalsozialisten. In Berlin studierte er Journalistik. Nach dem Reichstagsbrand 1933 floh er in die Tschechoslowakei, wo er den Namen Stefan Heym annahm. 1935 zog er in die USA weiter. 1944 kam er als Angehöriger der US-Streitkräfte zurück nach Deutschland. Ende 1945 musste er zurück in die USA. Während der Kommunistenverfolgung unter McCarthy verließ er 1952 die USA und siedelte ein Jahr später in die DDR über.

Edward Bernays: Pionier der Meinungsmanipulation

(Film-)Veranstaltung

Dienstag, 30.April 2019 um 19.30 Uhr

Mieterpavillon Heimfeld – Friedrich-Naumann-Str.7

Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson stand 1917 vor einem Problem: Er war gerade erst mit dem Versprechen wiedergewählt worden, die USA aus dem Weltkrieg herauszuhalten. Nun hatte jedoch die us-amerikanische Industrie durch den Krieg in Europa einen ungeheuren Boom erlebt. Dummerweise schien sich der Krieg jedoch zu erschöpfen: Im Februar 1917 brach die zaristische Regierung in Russland unter der Losung „Brot und Frieden“ zusammen, zehntausende französische Soldaten meuterten, in Deutschland streikten tausende Arbeiterinnen u.a.m. Der Krieg sollte aber unbedingt weitergehen – was also tun??
Wilson schuf kurzerhand Fakten und erklärte dem Deutschen Reich den Krieg. Um im 1904_bruteNachhinein die Gesellschaft auf seinen Kurs einzuschwören, gründete er das „Committee on Public Information“ (CPI). Diese baute im ganzen Land einen Apparat auf, in dem Prominente (z.B. Schauspieler) und lokale große und kleine Kriegsprofiteure ehrenhalber die Massen auf Krieg einstimmen sollten. Neben aktiver Werbung für den Krieg, war das Ziel der Aktivitäten des CPI vor allem der „enemy within“, der Feind im Inneren: Kriegsgegner, Schwarze, die Arbeiterbewegung sowie deutsche Einwanderer, die zu diesem Zeitpunkt die größte Gruppe innerhalb der (politisch sehr aktiven und gegen den Krieg eingestellten) Arbeiterschaft stellten. Staatlich legitimiert begann eine Hatz auf vermeintliche deutsche Spione und allgemein „Feinde“. Das CPI koordinierte entsprechende Aktionen und stellte das notwendige Propagandamaterial (z.B. fertig formulierte Reden) zur Verfügung. Hier tauchte dann zum ersten Mal ein junger Mann auf, der in den folgenden Jahrzehnten zum Pionier der Propaganda aufsteigen sollte: Edward Bernays (1891 bis 1995).
Während des Krieges hatte sich in den amerikanischen Fabriken die Massenproduktion als Herstellungsmethode von Kriegsgütern (z.B. Munition) durchgesetzt. Diese Fertigungsweise wurde nach dem Krieg auf zivile Güter übertragen. Für die nun massenhaft produzierten Dinge waren jedoch auch Konsumenten notwendig. So widmete sich Bernays nach Friedensschluss diesem „Problem“ und brachte seine Fertigkeiten in die Werbung ein. Er lernte viel von seinem Onkel, dem Psychoanalytiker Sigmund Freud, und entwickelte Strategien, die zu verkaufenden Waren mit einer spezifischen Mentalität zu verknüpfen. Er wollte nicht konkrete Bedürfnisse erfüllen helfen, sondern die Waren als Attribute der Selbstdarstellung inszenieren.
1904_LuckyEin bekanntes Beispiel ist seine Kampagne für die American Tobacco Company im Jahre 1929. Diese wollte Frauen, denen bis Ende der 20er Jahre das Rauchen in der Öffentlichkeit verboten war, als neue Zielgruppe erreichen. Bernays überredete dazu zunächst die Modeindustrie, den spezifischen Grünton der Lucky-Strike-Packungen zur Farbe der Saison zu machen. Dann bezahlte er eine Gruppe von Frauen, die sich bei der traditionellen Osterparade als Suffragetten (Frauenrechtlerinnen) verkleideten. Als beauftragte Journalisten sie fotografierten, zündeten sie Zigaretten an und proklamierten diese als „torches of freedom“ (Fackeln der Freiheit) – mit großem Erfolg. Rauchen wurde zum Symbol für die emanzipierte, unabhängige, moderne Frau. Edward Bernays wurde in den darauf folgenden Jahren zum „Vater“ der Public Relation – nicht nur, weil er diesen Begriff erfand, sondern weil es ihm in vielen Situationen und zu zahlreichen Anlässen gelang, zuverlässig die Reaktion in der jeweiligen Zielgruppe seiner Werbestrategie hervorzurufen, die er hervorrufen wollte.
Heute sind die Methoden der „public relation“ wichtiger denn je und nicht mehr nur in der Werbung verbreitet, sondern zunehmend bedient sich ihrer auch die Politik, die mittlerweile ganz selbstverständlich auf große PR-Agenturen zurückgreift, wenn Wahlen anstehen. Es geht eben nicht mehr darum, die Wähler mit Argumenten zu überzeugen, sondern um „Meinungsmache“ ganz im Sinne von Bernayes.
Wir zeigen eine französische Fernsehdokumentation von 2017, in der Bernays‘ Werdegang nachgezeichnet und die Wirkungsweise von Public Relations deutlich gemacht wird.

Volker Braun: »Hinze-Kunze-Roman« und »Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer«

1903_Braun_IFreitag, 29.März 2019, 19.30 Uhr
MehrWertKultur,
Nobléestraße 13a in Heimfeld

 

Der im Mai 1939 in Dresden geborene Schriftsteller Volker Braun hat Gedichte, Theaterstücke und Romane geschrieben; neben Peter Hacks und Heiner Müller zählt er zu den bedeutendsten Dramatikern der DDR. Heute lebt er in Berlin.

 

Im Rahmen unserer Reihe mit Literatur aus der DDR wollen wir aus zwei Romanen von ihm lesen:

Der 1983 erschienen »Hinze-Kunze-Roman« hat die Widersprüchlichkeit der DDR-Gesellschaft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zum Thema:

»Wer sind Hinze und Kunze? Wie die Redensart es will und der real existierende Sozialismus, sollten sie Gleiche sein; um so auffälliger, dass sie es nicht sind. Kunze ist Funktionär, Hinze ist sein Fahrer. Kunze sagt wohin und Hinze fährt den schwarzen Tatra durch die Republik. Vorwärts, das ist ihre Richtung.« (aus der Beschreibung des Suhrkamp-Verlages)

»Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer« erschien 2008. Eine Art Schelmenroman?

Der Meister Flick aus Lauchhammer war zu DDR – Zeiten in der Braunkohle der Lausitz der Held der Havarien und Katastrophen: Wenn er in seiner Kluft, mit rotem Helm und Karabinerhaken am Koppel auftauchte, wurde es ruhig. Doch nach der Wende schickte man ihn zum Arbeitsamt, man brauchte ihn nicht mehr. In der Folge zieht der an seiner Arbeit Hängende mit seinem »faulen und gerechten« Enkel Luten durch die Lande. Das ungleiche Paar aus alter und neuer Zeit erlebt allerhand z.T. groteske Abenteuer zwischen Arbeitsamt, 1€-Job, Abrisskolonnen, Theatermachern, polnischen Tagelöhnern, Prostituierten, Streikenden und vielen anderen.

Zum Autor:
Sein Vater war ein Kunst liebender Buchprüfer. Nach dem Abitur arbeitete er vier Jahre in einer Druckerei, als Tiefbauarbeiter im Kombinat Schwarze Pumpe in Hoyerswerder und als Maschinist im Tagebau Burghammer. 1960 fand er sich in einem „Zirkel schreibender Arbeiter“ ein, der von Brigitte Reimann geleitet wurde; sie notierte in ihrem Tagebuch:
„Vorige Woche hat sich der Zirkel schreibender Arbeiter konstituiert. Von 20 Eingeladenen waren 4 erschienen; keine Potenzen nehme ich an. Nur der kleine Volker Braun, Abiturient und seit 4 Jahren in der Produktion, scheint begabt zu sein.“
Im selben Jahr begann er an der Universität Leipzig ein Studium der Philosophie. Ein paar Jahre später arbeitete er auf Einladung von Helene Weigel als Dramaturg am Berliner Ensemble. Der Einmarsch des Militärs der Ostblockstaaten in Prag ließ ihn seinen uneingeschränkten Enthusiasmus für den Aufbau des staatlichen Sozialismus in der DDR kritisch hinterfragen, ohne jedoch die DDR selbst in Frage zu stellen.
Das Umgehen des Staates mit seiner Person schwankte zwischen der intensiven Überwachung durch die Staatssicherheit und öffentlichen Preisverleihungen.
„Während der friedlichen Revolution 1989 gehörte er zu den Befürwortern eines eigenständigen „dritten Weges“ für die DDR und geladener Erstunterzeichner des Aufrufs „Für unser Land“. Nach der Wiedervereinigung beschäftigte er sich kritisch mit den Gründen für das Scheitern der DDR. In diesem Zusammenhang steht auch seine Zusammenarbeit mit der von Wolfgang Fritz Haug herausgegebenen westlich-marxistischen Zeitschrift „Das Argument“.
Volker Braun leitete 2006–2010 an der Akademie der Künste (Berlin) die Sektion Literatur. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.“ (Wikipedia)

Das Gedicht „Das Eigentum“ von 1990:

Das Eigentum
Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.
KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magre Zierde.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.
Und unverständlich wird mein ganzer Text.
Was ich niemals besaß wird mir entrissen.
Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.
Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.
Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.
Wann sag ich wieder mein und meine alle.

Theater der Befreiung – Revolutionäres Theater im 20. Jahrhundert und heute

Theater_RusslandIm „üblichen“ Theater sind wir als Besucher passive Betrachter einer auf der Bühne vorgegebenen Wirklichkeit.

Während der revolutionären Umwälzung in Russland um 1918 herum haben vielfach Arbeiterklubs versucht, die Zuschauer aus dieser passiven Rolle herauszuholen. Das Theater erlebte einen ungeheuren Aufschwung – es wurde für die oft nicht lesekundige Bevölkerung ein Mittel, um sich auszudrücken und miteinander zu kommunizieren.

Auch das in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstandene Theater der Befreiung in Südamerika verfolgte dieses Ziel. Gemeinsam ist beiden der Versuch, mit den Mitteln des Theaters Möglichkeiten der Bewusstwerdung, Auseinandersetzung und Problembewältigung zu entwickeln. Spielerisch wurde die Veränderung der Wirklichkeit debattiert und erprobt.1801_proletkult

Auch heute könnten solche Formen des Theaters ein Werkzeug in der politischen Auseinandersetzung sein.

An diesem Abend wollen wir die Geschichte dieser Theatertradition Revue passieren lassen, die Prinzipien darstellen und schließlich uns gemeinsam (spielerische) Gedanken machen …

Dienstag, 26. März 2019,

19:30 Uhr

Mieterpavillon,

Friedrich-Naumann-Str.7

Manipulation, Desinformation, Fake News – Welche Rolle spielen die Medien?

Diskussion auf der Grundlage eines Beitrages von J. Becker im Sammelwerk „Fassadendemokratie und Tiefer Staat“ von Mies & Wernicke (Hg.)

FassadendemokratieImmer sichtbarer wird die schleichende Transformation demokratischer in autoritäre Staaten. Regierungen unterwerfen sich immer offener den Interessen des Kapitals – wenn nicht die Regierungsvertreter gleich aus den Reihen der Wirtschaft und Industrie rekrutiert werden und man sich so den unnötigen Umweg über Lobbyismus und Schmiergeldzahlungen spart (s. Frankreich, USA usw.). Diese Entwicklung, ihre Ursachen und Möglichkeiten der Intervention möchten wir primär auf der Basis des Buchbeitrages von Jörg Becker zur Rolle der Medien im o.g. Buch diskutieren. Er verweist darauf, dass durch die engen Verbindungen zwischen Regierungen und PR-Agenturen der massive Verfall der Demokratie gezielt befördert wird. Doch Propaganda, Meinungsmanipulationen, Desinformationen und Fake News sind durch Aufklärung und eigene, objektive Meinungsbildung zu verhindern. Damit wollen wir am heutigen Abend beginnen.

Dienstag, 26. Februar 2019, 19:30 Uhr

Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

Lesung: Peter Hacks – Die Binsen

1902_binsen_iiWir laden zu einer gemeinsamen szenischen Lesung ein – wer Lust hat, sucht sich eine Rolle aus, wer nur zuhören will, lauscht einfach!

Wie die Ente »In die Binsen geht«, um dem Jäger zu entkommen, so zieht sich die Hauptabteilungsleiterin einer Handels- organisation Justine Mencken in die Binsen zurück, als ihr alles zusammenbricht: Eben hat sie noch einen unmöglichen Handel abgeschlossen, nämlich dem argentinischen Staat Rinder zu verkaufen, die dieser braucht (oder auch nicht), um hungernde Viehhirten zu ernähren. Im Gegenzug sollen Schuhe geliefert werden, die in Argentinien niemand tragen mag. In der DDR sind sie zwar auch allen unbequem, aber das ist man gewohnt und diese haben wenigstens ein exotisches Label. Ihren Geliebten hat sie zu ihrem Stellvertreter gemacht. Karl Kadler ist normal-männlich dumm, sieht dafür aber gut aus. Allerdings ist er auch intrigant und denunziert sie bei ihrem Chef, dass sie ein Verhältnis mit dem sagenhaften argentinischen Geschäftsmann gehabt habe. Der Chef ist eh sauer, weil sie mehr Initiative als er selber gezeigt hat und ernennt Karl zu ihrem Nachfolger. Justine kündigt, als sie in den Archivkeller versetzt werden soll.
In der Heide trifft sie den nichtsnutzigen Professor Erdschlipf, der mit Justines Schwester Helma und seiner zweiten Geliebten Molly zusammenlebt. Nun hat er sich entschieden, Helma zu heiraten, da Mollys Mann im Knast sitzt und der Schwiegervater misstrauisch ob ihrer Treue ist. Helma arrangiert sich notgedrungen, denn wer soll für sie sorgen, wenn nicht Molly?? Erdschlipf wiederum will Justine spontan seinem Kartenblatt einverleiben. Nach und nach reisen alle anderen Handelnden hinterher und treffen sich bei Erdschlipf…
Also, eine etwas groteske Komödie um… Liebe? Die Gesellschaft? Geschlechterrollen? Alles gehört zusammen und ist nicht zu trennen.

1902_binsen_hacksPeter Hacks (*1928 – 2003) war einer der bekanntesten Dramatiker in der DDR.

Freitag, 22.Februar 2019 um 19.30 Uhr

Kulturverein »Alles wird schön«

Friedrich-Naumann-Str.27

Joachim Wohlgemuth: Egon und das achte Weltwunder

Literaturlesung in der Reihe DDR-Literatur – Ivar Lethi (Contrazt e.V.) liest vor!

Egon ist ein typischer Halbstarker seiner Zeit: Mit Tolle und Blue Jeans ausgestattet und einer Vorliebe für „westlichen“ Rock´n´Roll. Mit seinen Freunden, dem „Borkenheider Musical-Club“ spielen sie gern auf improvisierten Instrumenten ihre „heiße“ Musik. Leider ist oft zu viel Alkohol im Spiel, deshalb musste Egon gerade wegen Körperverletzung „einsitzen“. Er will nun sein Leben von Grund auf ändern – wenn nur sein Club nicht wäre, der für einen geordneten Lebenswandel überhaupt kein Verständnis hat. Als sich der Bauhilfsarbeiter Egon auch noch in die Abiturientin Christine Lange verliebt, steht für ihn fest: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Da bietet es sich an, dass Christine sich für das FDJ-Projekt „Große Wiese“ angemeldet hat, wo gemeinsam ein Moor trockengelegt wird. Hier will Egon sich bewähren und gleichzeitig Christine näherkommen – wenn sie und die anderen nur nichts von seiner Vorstrafe erfahren… 1901_wohlgemuth
„Egon und das achte Weltwunder“, erschienen 1962, ist ein klassischer Jugendroman der DDR und war jahrelang ein Bestseller, da die Jugendlichen ihren Alltag und ihr Lebensgefühl authentisch dargestellt empfanden. Das Buch wurde verfilmt und aufgrund seiner Beliebtheit 2011 sogar erneut aufgelegt.

Freitag, 25.Januar um 19.30 Uhr

MehrWertKultur, Nobléestraße 13 a