„Wir halten den Betrieb besetzt“

Buchvorstellung und Film: Betriebsbesetzung des Zementwerkes Seibel & Söhne im westfälischen Erwitte im Jahr 1975

Dienstag, 26.11.2019, 19.30 Uhr im Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

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Wer quält uns auf der Arbeit?
– Die Chefs und die Hierarchie
– Der Markt, der uns zwingt, uns unseren Kollegen gegenüber als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt zu verhalten

Wäre es nicht schön, wenn wir unser Leben gemeinsam organisieren würden und zusammen zu beschließen, was wir brauchen und wie wir das herstellen?

Das ist sozusagen die geschichtliche „große Frage“ nach dem Sozialismus: Eine Gesellschaft, in der es kein Privateigentum gibt und die Menschen selbstbestimmt arbeiten. Dass wir noch nicht in solch einer Gesellschaft leben, hat weniger mit einem göttlich bestimmten oder vom Gen-Code diktierten „Wesen des Menschen“ zu tun, als vielmehr mit den großen Schwierigkeiten, die zu lösen sind:

– Wie stellen wir uns in einer Weltgesellschaft einen Entscheidungsprozess über das vor,     was gebraucht wird?
– Wie sollten globale Produktionsprozesse gemeinsam organisiert werden?

In kleinen Lebenseinheiten, in der Familie, einem Stadtviertel oder Dorf oder einem überschaubaren Betrieb ist es zwar schwer, sich zu einigen, Rücksicht zu nehmen, u.U. zugunsten anderer zurückzustecken, es ist aber vorstellbar. Jedoch im Großbetrieb, einer Stadt, einem Kontinent, der Welt?? Fragen der Kommunikation müssen gelöst werden. Die Arbeitsteilung, aus der sich Hierarchien entwickeln, muss in Frage gestellt werden. Verbindlichkeiten müssen eingegangen werden u.v.m.

In den bisherigen Revolutionsversuchen der letzten 150 Jahre standen sich oft zwei unterschiedliche Lösungsansätze gegenüber:

Zum einen sog. „syndikalistische“ Ansätze; die deutsche Bezeichnung „Syndikalismus“ kommt vom französischen Wort „syndicat“, das seit dem 19.Jahrhundert einen Zusammenschluss von Arbeitern und Arbeiterinnen sowohl auf lokaler, als auch auf betrieblicher Ebene meinte. Es geht also über die heutige Gewerkschaft hinaus. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es auch in Deutschland eine starke syndikalistische Massenbewegung vor allem im Ruhrgebiet und in Thüringen. Sie setzte sich für einen freiwilligen Zusammenschluss der Arbeiter ohne eine zentralistische Verwaltungsstruktur und für eine lokale und betriebliche Selbstverwaltung ein. In diesem Zusammenhang gab es einige Betriebsbesetzungen und Versuche, bspw. Bergwerke und Stahlproduktion selbstorganisiert weiterzuführen.
Demgegenüber haben sich historisch die Ansätze durchgesetzt, die auf eine staatliche Verwaltung, also die Planwirtschaft setzten. Das ist spätestens 1989 zusammengebrochen und heute regiert wieder der „freie Markt“…
Arbeiter und Arbeiterinnen setzen jedoch auch immer wieder auf einer „kleinen Ebene“ das Mittel der Betriebsbesetzung ein. Oft war und ist es ein Weg des Überlebens in Krisenzeiten, wenn sich die Besitzer vorübergehend aus dem Staub gemacht haben, um sich nicht weiter um „ihre“ ArbeiterInnen kümmern zu müssen und fälligen Schulden zu entgehen. ArbeiterInnen übernehmen den Betrieb und führen ihn in eigener Regie weiter.

So bspw. seit 2012 bei der griechischen Kooperative Vio.me in Thessaloniki (Link zur deutschen Webseite) oder die seinerzeit zu Unilever gehörende Teeverpackungsfabrik Fralip in Gemenos bei Marseille (Link zur Artikelsammlung bei Labournet). Beide wurden nach harten Arbeitskämpfen von den ArbeiterInnen übernommen.
In anderen Situationen setzen Arbeiter und Arbeiterinnen die Besetzung ein, um den juristischen Eigentümer zu „erpressen“. Damit sind wir endlich bei der Besetzung des Zementwerkes Seibel & Söhne und im Jahr 1975!!

Näheres in einem Artikel der Zeitschrift „Graswurzelrevolution“ Nr. 396:
„Provinzielle Arbeiter gegen Parvenue-Kapitalist!1909_Erwitte
Vor 40 Jahren fand in Erwitte der längste Firmenstreik in der Geschichte der BRD statt (…)“ (hier der Link zum Artikel)

Wir wollen das Buch von Dieter Braeg inkl. einiger Filmdokumente vorstellen und anhand dieses und anderer Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit diskutieren, was wir in der oben angebeuteten „großen“ oder auch der „kleinen“ Perspektive von Betriebsbesetzungen halten!

1911_viomiArtikel über vergangene oder laufende Betriebsbesetzungen (zu ergänzen!)
Lip oder die Macht der Fantasie. Ein Lehrbeispiel für Kommunikation und Demokratie

(hier der Link zum Artikel)

Das Einzelne und das Ganze – Wie können wir die Gesellschaft bewegen?

1909_GelbwestenDiskussionsveranstaltung

17.September 2019 – 19.30 Uhr

Mieterpavillon,

Friedrich-Naumann-Str.7

Achtung: Ausnahmsweise nicht am letzten Dienstag des Monats!!

 

1968“ ist ein Sammelbegriff für eine Bewegung, die zweifellos die Gesellschaft verändert hat.
1917“ ebenso.

Heute dagegen sehen wir ein buntes Kaleidoskop von vielen einzelnen Bewegungen, die auf- und wieder abebben: Klima-, Tierrechts-, Schwulen-, Anti-AKW-, Recht auf Stadt-Bewegung usw.

Oft geht es um die Durchsetzung bestimmter Einzelforderungen, mal geht es um die Fridays for future (March 15 2019)gesellschaftliche Akzeptanz kultureller Identitäten. Am ehesten hat es noch die Bewegung zwischen 2008 und 2011, die von Occupy über die Platzbesetzungen in Südeuropa bis zum „Arabischen Frühling“ reichte, geschafft, eine globale Vision von sozialer Gerechtigkeit und Basisdemokratie sichtbar werden zu lassen.

Was macht also eigentlich eine Bewegung aus, die die Gesellschaft verändern kann? Und was unterscheidet eine Initiative von einer Bewegung?

Wir wollen in der Veranstaltung nach unseren Perspektiven fragen.

Als Einstieg ein paar Fragen an uns und an euch…:

Warum haben wir uns in den letzten Jahren in den verschiedenen Bewegungen in Hamburg engagiert?

Aber auch umgekehrt: Warum haben wir uns in den letzten Jahren in den verschiedenen Bewegungen in Hamburg nicht engagiert?

…und ein paar Gedanken / Antworten von uns:

  • Die soziale Differenzierung spiegelt sich in Protesten wider; man bewegt sich im Betrieb und im Alltag nicht mehr selbstverständlich in einem Umfeld, das gleiche Erfahrungen teilt. Wenn sich andere Menschen zusammentun, kann man sie spontan erstmal als fremd wahrnehmen.
  • Bewegungen, die sich von vorneherein auf „andere“ beziehen, also zur Solidarität auffordern, machen es auf der einen Seite leichter, sich praktisch einzubringen. Auf der anderen Seite kann das aber auch polarisieren, weil es keinen Raum gibt, widerstrebende Interessen zu formulieren.
  • Kulturelle Identitäten ermöglichen ein Zusammengehörigkeitsgefühl über soziale Unterschiede hinweg, wirken aber auch ausschließend.
  • Bewegungen müssen eine kollektive Handlungsperspektive eröffnen, die eigene Rolle in der Familie, auf der Arbeit und gegenüber dem Staat zu verändern!

Wir freuen uns auf eine anregende Diskussion!

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Eine kleine Auswahl von Einschätzungen zu Bewegungen der letzten Jahre (zu ergänzen!):

  • Gelbwestenbewegung in Frankreich

Gelbe Westen. Eine Korrespondenz aus Frankreich

In: Theorie & Praxis – Sozialismus in Wissenschaft und Politik, 23. Februar 2019

https://theoriepraxis.wordpress.com/2019/02/23/gelbe-westen/

 

„Die Produktion von Wissen und die Produktion von Konflikten – das gehört für uns zusammen“

Ein Gespräch über die Gelbwesten-Bewegung mit Davide Gallo Lassere von der Plattform für militante Untersuchungen (Paris)

16.Juli 2019

https://translibleipzig.wordpress.com/2019/07/16/die-produktion-von-wissen-und-die-produktion-von-konflikten-das-gehoert-fuer-uns-zusammen-praktische-erfahrungen-in-der-gelbwesten-bewegung/

Christa Wolf: „Der geteilte Himmel“ und „Medea. Stimmen“.

Lesung aus Werken von Christa Wolf

30.August 2019, 19.30 Uhr bei MehrWertKultur, Christa Wolf und Ehemann Gerhard WolfNobleestr.13a

Unbestritten war Christa Wolf (1929 – 2011) eine der prominentesten Schriftstellerinnen der DDR und sie hat unsere Lesungen schon ein paarmal gestreift: Sie gehörte zu den SchrifstellerInnen, die den Appell des sog. Bitterfelder Weges ernstnahm, der forderte, Kultur mit Arbeitern zusammen zu schaffen. So arbeitete sie zeitweise in einer Brigade im Waggonbauwerk Ammendorf, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann auch einen „Zirkel Schreibender Arbeiter“ leitete. Diese Erfahrungen teilte sie u.a. mit Brigitte Reimann, mit der sie bis zu deren Tod 1974 eine enge Freundschaft verband. Und mit Werner Bräunig, dessen zu realistischen Roman „Rummelplatz“ über die Wismut AG und den Uranbergbau sie gegen Vorwürfe der Parteileitung 1965 in Schutz nahm. Und schließlich mit Volker Braun, der 2011 die Abschiedsrede bei ihrer Beerdigung hielt.

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Der geteilte Himmel (1963, ihr zweiter Roman)
1908_Wolf_Himmel„Den Himmel wenigstens, können sie uns nicht teilen. – Doch, der Himmel teilt sich zuallererst“.

Dieser Satz war es, der mich mit damals knapp zwanzig Jahren, bewogen hat, das Buch „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf zu lesen. Ich weiß nicht mehr, wie ich den „Rest“ dann gefunden habe, aber die erneute Lektüre, mehr als dreißig Jahre später, lässt mich wieder mit diesem Satz zurück, der aufs Genaueste zusammenfasst, worum es in diesem Buch geht. Ja, worum eigentlich? Man mag es für eine Liebesgeschichte halten, die da präsentiert wird, aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Denn der Hauptfokus liegt darauf, dass nichts, auch nicht die Liebe, im luftleeren Raum stattfindet. Alles, auch unser Fühlen und Denken, ist eingebettet in Zeit und Raum, die Gesellschaft, in der wir leben und in die Wünsche, Hoffnungen und Ideale, die wir haben und nach denen wir streben. Und all dies lässt sich nicht immer in Einklang bringen. Wonach richten wir unser Handeln aus, was sind die Grundlagen, auf denen wir Entscheidungen treffen, und – die wohl wichtigste Frage, die das Buch aufwirft: Sind Entscheidungen gut und richtig, wenn sie sich richtig anfühlen? Es gibt auch eine Antwort, sie lautet: Nein. Es gibt richtige Entscheidungen, die sich schrecklich anfühlen, es kann Gräben geben, die sich auftun, wo wir zuvor sicheren Grund gespürt haben, es gibt im Herzen nicht nur Platz für die Liebe, sondern dort wohnen auch die Ideale, die Hoffnungen und Vorstellungen von einer besseren Welt. Und in dem Augenblick, in dem diese in Widerstreit treten, müssen wir uns entscheiden. Und solche Entscheidungen können einen zerreißen. Es kann schier unerträglich sein, das „Richtige“ zu tun – ebenso wie es einen zerstören kann, nur blind der Liebe zu folgen. Die Protagonistin des Buches tut das Richtige und geht daran fast zugrunde. In vielerlei Hinsicht beschreibt dies eine spezifische Frauenrealität, denn für Männer stellen sich solcherart Entscheidungen viel seltener. Aber der Konflikt, den Wolf ins Zentrum des Buches stellt, stellt auch eine Realität dar, die es in dieser Form nur in der DDR, nicht aber der BRD gegeben hat. Gehen oder bleiben, das waren für lange Jahre existentielle Entscheidungen, die den Bruch mit allem Gewesenen nach sich zogen. Was dies auf der ganz persönlichen Ebene bedeutete, wird hier gleichermaßen brutal, wie auch einfühlsam dargestellt.
Aus diesem vielschichtigen, klug und emotional, aber niemals larmoyant geschriebenen Büchlein wollen wir einige Etappen lesen.

„Medea. Stimmen“1908_Wolf_Medea

Medea ist 1996, also nach der „Wende“, erschienen. Wolf nahm den antiken Mythos um Jason und Medea auf und interpretierte ihn radikal neu. In der klassische Version sind die Themen die Jagd des griechischen Helden nach dem Goldenen Vlies (ein Schaffell) im sagenhaften Goldland „Kolchis“ mit seinen archaischen Bewohnern, die den Wert des Goldes nicht zu schätzen wissen; der Verrat der kolchischen Prinzessin Medea an ihrem Vater um der Liebe zum Helden Jason willen; dessen Verrat an Medea und ihre blutige Rache. Bei Christa Wolf schimmert ihre Auseinandersetzung um den Untergang der DDR und ihre Übernahme durch die kapitalistischen Gesellschaft durch, ihre Erfahrungen der Treibjagd der 90er Jahre gegen sie aufgrund des Fehlens der geforderten Distanz zur DDR und grundsätzlich einer patriarchalen Deutungshoheit geschichtlicher Prozesse. Sie hat allerdings keine simple Fabel vorgelegt, sondern ein vielschichtiges Werk, das durchaus um „Menschheitsfragen“ kreist.

„Wir leben verkehrt“. Ein Interview mit Christa Wolf über „Medea“ in: DIE ZEIT vom 25.10.2007 – Link

Nationaler Wahn oder EU – Diktatur?

Vorstellung und Diskussion des Buches „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780“ vom Historiker Eric Hobsbawm

Dienstag, 25.Juni 2019 — — — 19.30 Uhr im Mieterpavillon — — — Friedrich-Naumann-Str.7

Manchmal scheint sich nur die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub aufzutun: Auf der einen Seite eine kaum kontrollier- und reformierbare EU- Zentralregierung in Brüssel und auf der anderen Seite sog. „Populisten“, die für einen neuen Konkurrenzkampf der Nationen rüsten. Doch warum gleichen sich in vielen Punkten diese scheinbaren Gegensätze?
1906_MarianneWir fragen uns dagegen: Wie sähe ein Europa und eine Welt aus, die sich weder in Nationen teilt, noch eine zentralisierte Technokratie wäre?
Grundgedanken
Die EU ist keine Institution, die die Einteilung der Welt in Nationalstaaten überwindet, sie ist ein Zusammenschluss von Nationalstaaten. Als solcher lebt sie von den Ungleichheiten ihrer Mitglieder, einem prosperierendem Zentrum und einer wegdriftenden Peripherie. Sie lebt davon, dass Menschen aus dem einen Land in ein anderes gehen, um dort für wenig Geld zu arbeiten. Wenn sich die Löhne angleichen, stellt sie das Gefälle wieder her, indem sie sich um noch ein verarmtes Land erweitert oder Menschen von noch weiter her anwirbt. Um diese Struktur aufrechtzuerhalten, zerstört sie die bisherigen (nationalen) Sozialsysteme und öffentliche Infrastruktur durch den Zwang zu Privatisierungen und Wettbewerb, rüstet sie im Inneren die Polizei immer weiter auf und nach außen das Militär. Sie will Vorreiterin und Mitspielerin in einer Welt sein, die von einigen Machtblöcken beherrscht wird.
Ihre Legitimation ist die einer sog. Europäischen Wertegemeinschaft mit Idealen wie Toleranz, Frauengleichberechtigung und Menschenrechte. Werte, in deren Namen immer mehr Länder in Schutt und Asche gebombt werden. Insofern treffen sich die »Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« mit dem Konsens innerhalb der liberalen Eliten…
Auch europäische Nationalisten stehen nicht außerhalb der EU und träumen von einem unabhängigen Groß-Polen, -Ukraine, -Österreich oder Deutschland. Sie bewegen sich alle im und um den Kosmos der Europäischen Union und wollen für ihre Klientel die Ausgangsbedingungen im Wettbewerb verbessern.1906_Nationen_Buch

Der 2012 im Alter von 95 Jahren gestorbene Historiker Eric Hobsbawm hätte sicherlich auch keine Lösung parat, aber er bietet in seinen Darlegungen zur Geschichte des Nationalstaates und des Nationalismus‘ Anregungen zum Nachdenken über diese Begriffe und die dahinter stehenden Konzepte!

Hier ein Link auf eine pdf-Version des Buches!