Das Virus und die Apokalypse?

Wie alle anderen müssen auch wir unsere öffentlichen Veranstaltungen bis auf Weiteres absagen.

Wir sind durchaus zwiegespalten; erhöhte Sensibilität angesichts einer durchaus ernsthaften Krankheitswelle ist wichtig. Auf der anderen Seite gibt es auch ein großes Bedürfnis, die gesellschaftliche Situation zu diskutieren, um nicht in Panik zu verfallen.

Letztendlich geht es nicht nur um ein individuelles Erkrankungsrisiko, sondern auch um die sozialen Auswirkungen eines Wirtschaftssystems, das auf einer immer stärkeren Polarisierung beruht und nun droht, vollends zu kollabieren. Wenn es lediglich auf ein „Weiter so!“ hinausläuft, sind es bestimmt nicht die Brüder Aldi oder Friedel Merz, die Angst um ihr Überleben haben müssen! Die „große Politik“ spiegelt sich auch im Kleinen, im Alltag und im Betrieb wider: Wer ein Häusken mit großem Garten, einen Verwaltungsjob und ein gutes Einkommen hat, macht Home Office, fürchtet keine Ausgangssperre und lässt sich von bediensteten Paketboten alles Notwendige auf die Garageneinfahrt legen. Wer in einer engen Mietwohnung lebt, Handarbeit leisten muss und ein unsicheres Einkommen hat, muss zur Arbeit kommen, mit vielen in einer Halle zusammen oder in Kundenkontakt arbeiten und fühlt sich vielfach noch von den Kollegen und Vorgesetzten im Büro getriezt, weil die alles Risiko auf ihn abschieben. Oder er oder sie kann wochenlang mit den Kindern in der kleinen Wohnung zubringen.

Sozialer Kontakt ist notwendig!

Aus diesem Grund haben wir einige Gedanken formuliert.

Zum ersten die medizinischen Erkenntnisse – relativ verbreitet sind die virologischen, d.h. das Wissen über den unmittelbaren körperlichen Ablauf, den eine Infektion beim Einzelnen hervorruft. Wenig bekannt ist dagegen das epidemiologische (Nicht-)Wissen über die gesellschaftliche Ausbreitung, ihre Wege und Voraussetzungen.

Der Link zu unserem Text zu diesem Thema hier: hier!

Zum zweiten die fast noch wichtigere Diskussion um die gesellschaftlichen Entwicklungen, die durch das Virus nicht hervorgerufen worden sind, sondern nur eine enorme Beschleunigung erfahren haben. Das ist der Punkt, über den wir uns austauschen müssen!!

Link zu unserem Text zu diesem Thema: hier!

Wir würden uns freuen, wenn der eine oder die andere Interesse hätte, und sich bei uns melden würde, entweder über die Kommentarfunktion oder über die Emailadresse: laiens.club@gmx.de

Gute Nachbarschaft – gutes Leben?

Dienstag, 31.März 2020

19.30 Uhr, Friedrich-Naumannstr.7

Der Stadtteil und seine Nachbarschaft sind in vieler Munde; es gibt in einigen größeren Städten Initiativen gegen Zwangsräumungen, Proteste gegen Mieterhöhungen, „Recht auf Stadt“- Netzwerke unterschiedlichster sozialer Zusammenhänge, Wohnprojekte u.a.m. Das ist die eine Seite; die andere Seite sind z.B. mehr oder minder abgeschlossene neue „grüne“ und „alternative“ Stadtviertel.

Suchen auch wir so etwas wie „Nachbarschaft“? Wie könnte die aussehen, was könnte sie praktisch für uns bedeuten? Warum suchen wir Gemeinschaftlichkeit dort und nicht auch woanders, etwa auf der Arbeit? Oder können sich Stadtteil und Betrieb als Orte sozialen Lebens ergänzen?

Diese und weitere Fragen wollen wir im März und April verfolgen. Den Anfang macht am 31.März die Vorstellung und die Diskussion des „Tags des Guten Lebens“:

2003_LC_Gutes_Leben

„Krankheits-Prävention“ – Ein Begriff und seine Ideologie

Diskussionsveranstaltung

Dienstag, 25.Februar 2020 – 19.30 Uhr

Mieterpavillon:  Friedrich-Naumann-Str. 7

Wenn wir von Krankheits-Prävention hören, erzeugt das bei den meisten von uns positive Assoziationen. Was könnte auch besser und sinnvoller sein, als Krankheiten zu vermeiden? Und liegt es nicht auf der Hand, dass Nichtrauchen, Obst essen und Bewegung an der frischen Luft besser sind als Bier trinken, Chips futtern und auf dem Sofa abhängen? Es scheint so, aber …

Gesundheitsrisiken sind kein individuelles Problem

2002_Praevention_1Warum glauben wir, dass ein Apfel am Tag gesund hält, aber nicht, dass das Kohlekraftwerk vor der Haustür unsere Gesundheits-Bemühungen konterkariert? Warum sind wir im Krankheitsfall so eifrig darin, immer zuerst nach individueller Schuld zu suchen? Vielleicht, weil wir die Hoffnung haben, dass das, was individuell verschuldet worden ist, auch individuell wieder zu beheben ist? Gibt uns die Idee von Eigenverantwortung – zumindest gedanklich – unsere Autonomie wieder und ist sie deshalb so attraktiv?

Die mediale Präsentation von Risiken …

unterstützt und fördert die Einstellung, dass Gesundheit individuell herstellbar ist. Uns begegnen Aussagen wie „80 Prozent aller Krankheiten sind ernährungsbedingt“ oder wir lesen, dass durch eine gesündere Lebensweise, bis zu 90 % aller Diabeteserkrankungen, bis zu 80% aller Herzinfarkte und rund 50 % aller Schlaganfälle vermieden werden könnten. Abgesehen davon, dass diese Erkenntnisse wissenschaftlich nicht belegt sind, 2002_Praevention_2können wir selten oder nie lesen, dass die nicht-individuellen Einflüsse sich weitaus deutlicher bemerkbar machen. Die Lebenserwartung von Männern mit geringem Einkommen ist im Vergleich zu Männern der höchsten Einkommensgruppe neun Jahre kürzer. Bei den Frauen beträgt der Unterschied zwischen niedrigster und höchster sozialer Statusgruppe „nur“ vier Jahre. Auch die zu erwartenden gesunden Lebensjahre hängen mit dem sozialen Status zusammen: Arme Menschen leben nicht nur kürzer, sondern sind auch früher chronisch krank oder behindert.

Was macht eigentlich die (Gesundheits-)Politik?

In auffälligem Gegensatz zum lauten Präventionsgeschrei stehen die Veränderungen im Gesundheitssystem: Im Windschatten des Präventionshypes werden Arbeitnehmerbeiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung erhöht, während die Arbeitgeberbeiträge unangetastet bleiben, es werden Krankenhäuser und Kliniken geschlossen, die pflegerische Versorgung ist nicht mehr gewährleistet, Leistungen werden aus dem GKV-Katalog gestrichen und immer wieder werden Anläufe gemacht, um „gesundheitsriskantes Verhalten“ durch erhöhte Zuzahlungen abzustrafen.

Sollen unsere Präventionsbemühungen vielleicht dazu beitragen, die eigentlich notwendige Versorgung überflüssig zu machen – zumindest ideologisch, denn real wird dies nie gelingen.

Doch nicht nur im Gesundheitssystem, sondern auch an anderen gesellschaftlichen Orten, scheint Prävention und Gesundheit nicht ganz so groß geschrieben zu werden: Die Zahl der Autos zeigt keinerlei rückläufige Tendenz, am 1. Januar 2019 wurde mit 47 Mio zugelassenen PKW der höchste Bestand aller Zeiten dokumentiert – die durch den Autoverkehr entstehenden Luft- und Lärmemissionen stehen in engem Zusammenhang mit Herz-Kreislauferkrankungen sowie Diabetes (und wahrscheinlich weiteren Krankheiten), die Anzahl der Menschen, die Schicht-, Wochenend- und Nachtarbeit machen müssen, steigt beständig, obwohl nachgewiesen ist, dass unregelmäßige Arbeitszeiten anfällig für körperliche aber auch seelische Erkrankungen machen, Leiharbeit nimmt beständig zu – auch hier sind deutliche negative Effekte auf die Gesundheit nachgewiesen … die Liste ist schier unendlich.

Die Fokussierung des individuellen Risikoverhaltens führt letztendlich nicht nur zur bereits angesprochenen Entsolidarisierung, sondern sogar dazu, dass sich die sozialen Unterschiede im Gesundheitsstatus noch vergrößern: Von individuellen Maßnahmen, wie z.B. dem Verzicht des Rauchens, profitieren die höheren Einkommensschichten deutlich mehr, als die niedrigen. Das heißt: Gleiches Verhalten (Nichtrauchen) wirkt sich unterschiedlich auf die Lebenserwartung aus.

Was macht Prävention mit uns?

Wir wollen uns heute aus verschiedenen Blickrichtungen damit beschäftigen, welche Auswirkungen diese Fokussierung auf individuelle Risiken – die ja immerhin nur Krankheitswahrscheinlichkeiten darstellen – auf unser Denken und Handeln hat. Gräbt sich die hinter allem stehende Parole „Fit bleiben, bis der Bestatter kommt“ nicht auch in unser Denken und Handeln in ganz anderen Bereichen ein? Nehmen wir mit der Aufgabe, täglich 10.000 Schritte zu tun vielleicht gleichzeitig auch den neoliberalen Auftrag an, dass jeder seiner Gesundheit eigener Schmied ist, ohne dass uns dies bewusst wird? Und: Führt dies nicht zu einer Entsolidarisierung, weil wir vielleicht doch immer zuerst nach der individuellen Schuld suchen?

und wie könnte eine positivere Variante aussehen?

Was am Präventionsgedanken ist nützlich und sinnvoll? Prüfen wir ihn gemeinsam auf seine Eignung zur solidarischen Verbesserurng der Gesellschaft und unseres eigenen Lebens.

Phantasie – Lernen

Oskar Negt: „Soziologische Phantasie und Exemplarisches Lernen“ in der Arbeiterbildung

Dienstag, 28.Januar 2020

19.30 Uhr

Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

In der ersten Veranstaltung nach dem Jahrzehntwechsel knüpfen wir an frühere Veranstaltungen an, wie etwa an die über das Theater der Befreiung oder über Identitätspolitik.

Wir wollen uns damit beschäftigen, wie eine emanzipative Arbeiterbildung aussehen könnte.

Alles, was wir erleben, interpretieren wir; dabei greifen wir auf (in der Schule, in der Familie …) teils bewusst, teils unbewusst gelernte Erklärungsmuster zurück. Zudem diskutieren wir mit anderen über unsere Erlebnisse. Lernen ist also zum einen ein ständiger und zum anderen ein kollektiver Prozess. Allerdings verläuft Lernen selten gradlinig und noch seltener widerspruchsfrei. Und: Unsere Umwelt verändert sich ständig. Deswegen kann das, was wir in der Vergangenheit gelernt haben und stimmig war, heute schon überholt sein. Ein anderer Aspekt ist die oft fehlende Übereinstimmung von Denken/Erkenntnis/politischer Überzeugung und Handeln. Häufig handeln wird anders, als wir eigentlich wollen oder sollten und strampeln uns tiefer in den Morast, statt herauszukommen.
Die Frage ist: Wie können wir Lernprozesse so gestalten, dass wir unter Einbeziehung unserer Erfahrungen von gestern, Antworten auf die Fragen von heute finden können und wie können wir eine bewusste Haltung oder einen Standpunkt zu den Dingen, politischen Fragen, gesellschaftlichen Problemen entwickeln, die in Übereinstimmung mit unseren politischen Überzeugungen steht?

Die gesellschaftlichen Fragen, denen wir uns stellen müssen, tauchen vorrangig in Bezug auf die Arbeit auf: Arbeit ist im persönlichen Leben ein und im gesellschaftlichen Leben der zentrale Bereich. Gemeinsames Lernen, wie wir uns als Lohnabhängige auf der Arbeit verhalten oder verhalten sollten, steht im Zentrum aller Bemühungen um eine Umgestaltung der Welt.
Nun stehen dort Gewerkschaften für den Anspruch, die Interessen der Lohnabhängigen zu organisieren. Sie machen heute vor allem Rechtsschulung für Betriebsräte oder Organizing-Training. Damit bieten sie praktische Handreichungen, um sich den Unternehmern gegenüber besser behaupten zu können. Braucht es mehr?

Wir denken: „ja!“, denn, was über diese, auf den Arbeitsplatz eingegrenzte Betrachtung verloren geht, ist, dass die dort auftretenden Konflikte essenziell mit Konflikten in anderen gesellschaftlichen Bereichen verbunden sind: Der Lohn ist niedrig und die Miete (in Relation dazu) zu hoch, eine zu große Arbeitsbelastung lässt uns zuhause die Nerven verlieren,sodass wir Krach mit dem Partner / der Partnerin bekommen, wir wollen uns qualifizieren und die Mitbewerber auf dem Arbeitsmarkt ausstechen, beklagen jedoch gleichzeitig den Verlust von Kollegialität und vieles mehr.
Um den Zusammenhang zwischen all diesen Faktoren zu erkennen und diese Erkenntnis in Handlung zu übersetzen, müssen wir uns gemeinsam Gedanken machen: das heißt „(Arbeiter-)Bildung“.

Um einen Einstieg in dieses Thema zu bekommen, greifen wir auf Anregungen aus dem in den 70er Jahre viel diskutierten Buch „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie und Praxis der Arbeiterbildung“ des Soziologen Oskar Negt zurück. Es erschien 1968, basiert aber auf Texten, die Negt ab den frühen 1960er Jahren als Mitarbeiter in der Bildungsabteilung der IG Metall geschrieben hat.

2001_ExLernWas können wir davon mitnehmen, um etwa im Rahmen des Laien’s Clubs oder woanders besser, konstruktiver und unvoreingenommener miteinander diskutieren zu können? Also vor allem, ein offenes Gespräch zu ermöglichen und nicht, eine fertige Überzeugung zu verbreiten!

Eine Zusammenfassung einiger Kerngedanken von Negt gibt es hier: Negt_Einfuehrung

„Wir halten den Betrieb besetzt“

Buchvorstellung und Film: Betriebsbesetzung des Zementwerkes Seibel & Söhne im westfälischen Erwitte im Jahr 1975

Dienstag, 26.11.2019, 19.30 Uhr im Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

1911_buchcover
Wer quält uns auf der Arbeit?
– Die Chefs und die Hierarchie
– Der Markt, der uns zwingt, uns unseren Kollegen gegenüber als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt zu verhalten

Wäre es nicht schön, wenn wir unser Leben gemeinsam organisieren würden und zusammen zu beschließen, was wir brauchen und wie wir das herstellen?

Das ist sozusagen die geschichtliche „große Frage“ nach dem Sozialismus: Eine Gesellschaft, in der es kein Privateigentum gibt und die Menschen selbstbestimmt arbeiten. Dass wir noch nicht in solch einer Gesellschaft leben, hat weniger mit einem göttlich bestimmten oder vom Gen-Code diktierten „Wesen des Menschen“ zu tun, als vielmehr mit den großen Schwierigkeiten, die zu lösen sind:

– Wie stellen wir uns in einer Weltgesellschaft einen Entscheidungsprozess über das vor,     was gebraucht wird?
– Wie sollten globale Produktionsprozesse gemeinsam organisiert werden?

In kleinen Lebenseinheiten, in der Familie, einem Stadtviertel oder Dorf oder einem überschaubaren Betrieb ist es zwar schwer, sich zu einigen, Rücksicht zu nehmen, u.U. zugunsten anderer zurückzustecken, es ist aber vorstellbar. Jedoch im Großbetrieb, einer Stadt, einem Kontinent, der Welt?? Fragen der Kommunikation müssen gelöst werden. Die Arbeitsteilung, aus der sich Hierarchien entwickeln, muss in Frage gestellt werden. Verbindlichkeiten müssen eingegangen werden u.v.m.

In den bisherigen Revolutionsversuchen der letzten 150 Jahre standen sich oft zwei unterschiedliche Lösungsansätze gegenüber:

Zum einen sog. „syndikalistische“ Ansätze; die deutsche Bezeichnung „Syndikalismus“ kommt vom französischen Wort „syndicat“, das seit dem 19.Jahrhundert einen Zusammenschluss von Arbeitern und Arbeiterinnen sowohl auf lokaler, als auch auf betrieblicher Ebene meinte. Es geht also über die heutige Gewerkschaft hinaus. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es auch in Deutschland eine starke syndikalistische Massenbewegung vor allem im Ruhrgebiet und in Thüringen. Sie setzte sich für einen freiwilligen Zusammenschluss der Arbeiter ohne eine zentralistische Verwaltungsstruktur und für eine lokale und betriebliche Selbstverwaltung ein. In diesem Zusammenhang gab es einige Betriebsbesetzungen und Versuche, bspw. Bergwerke und Stahlproduktion selbstorganisiert weiterzuführen.
Demgegenüber haben sich historisch die Ansätze durchgesetzt, die auf eine staatliche Verwaltung, also die Planwirtschaft setzten. Das ist spätestens 1989 zusammengebrochen und heute regiert wieder der „freie Markt“…
Arbeiter und Arbeiterinnen setzen jedoch auch immer wieder auf einer „kleinen Ebene“ das Mittel der Betriebsbesetzung ein. Oft war und ist es ein Weg des Überlebens in Krisenzeiten, wenn sich die Besitzer vorübergehend aus dem Staub gemacht haben, um sich nicht weiter um „ihre“ ArbeiterInnen kümmern zu müssen und fälligen Schulden zu entgehen. ArbeiterInnen übernehmen den Betrieb und führen ihn in eigener Regie weiter.

So bspw. seit 2012 bei der griechischen Kooperative Vio.me in Thessaloniki (Link zur deutschen Webseite) oder die seinerzeit zu Unilever gehörende Teeverpackungsfabrik Fralip in Gemenos bei Marseille (Link zur Artikelsammlung bei Labournet). Beide wurden nach harten Arbeitskämpfen von den ArbeiterInnen übernommen.
In anderen Situationen setzen Arbeiter und Arbeiterinnen die Besetzung ein, um den juristischen Eigentümer zu „erpressen“. Damit sind wir endlich bei der Besetzung des Zementwerkes Seibel & Söhne und im Jahr 1975!!

Näheres in einem Artikel der Zeitschrift „Graswurzelrevolution“ Nr. 396:
„Provinzielle Arbeiter gegen Parvenue-Kapitalist!1909_Erwitte
Vor 40 Jahren fand in Erwitte der längste Firmenstreik in der Geschichte der BRD statt (…)“ (hier der Link zum Artikel)

Wir wollen das Buch von Dieter Braeg inkl. einiger Filmdokumente vorstellen und anhand dieses und anderer Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit diskutieren, was wir in der oben angebeuteten „großen“ oder auch der „kleinen“ Perspektive von Betriebsbesetzungen halten!

1911_viomiArtikel über vergangene oder laufende Betriebsbesetzungen (zu ergänzen!)
Lip oder die Macht der Fantasie. Ein Lehrbeispiel für Kommunikation und Demokratie

(hier der Link zum Artikel)

Das Einzelne und das Ganze – Wie können wir die Gesellschaft bewegen?

1909_GelbwestenDiskussionsveranstaltung

17.September 2019 – 19.30 Uhr

Mieterpavillon,

Friedrich-Naumann-Str.7

Achtung: Ausnahmsweise nicht am letzten Dienstag des Monats!!

 

1968“ ist ein Sammelbegriff für eine Bewegung, die zweifellos die Gesellschaft verändert hat.
1917“ ebenso.

Heute dagegen sehen wir ein buntes Kaleidoskop von vielen einzelnen Bewegungen, die auf- und wieder abebben: Klima-, Tierrechts-, Schwulen-, Anti-AKW-, Recht auf Stadt-Bewegung usw.

Oft geht es um die Durchsetzung bestimmter Einzelforderungen, mal geht es um die Fridays for future (March 15 2019)gesellschaftliche Akzeptanz kultureller Identitäten. Am ehesten hat es noch die Bewegung zwischen 2008 und 2011, die von Occupy über die Platzbesetzungen in Südeuropa bis zum „Arabischen Frühling“ reichte, geschafft, eine globale Vision von sozialer Gerechtigkeit und Basisdemokratie sichtbar werden zu lassen.

Was macht also eigentlich eine Bewegung aus, die die Gesellschaft verändern kann? Und was unterscheidet eine Initiative von einer Bewegung?

Wir wollen in der Veranstaltung nach unseren Perspektiven fragen.

Als Einstieg ein paar Fragen an uns und an euch…:

Warum haben wir uns in den letzten Jahren in den verschiedenen Bewegungen in Hamburg engagiert?

Aber auch umgekehrt: Warum haben wir uns in den letzten Jahren in den verschiedenen Bewegungen in Hamburg nicht engagiert?

…und ein paar Gedanken / Antworten von uns:

  • Die soziale Differenzierung spiegelt sich in Protesten wider; man bewegt sich im Betrieb und im Alltag nicht mehr selbstverständlich in einem Umfeld, das gleiche Erfahrungen teilt. Wenn sich andere Menschen zusammentun, kann man sie spontan erstmal als fremd wahrnehmen.
  • Bewegungen, die sich von vorneherein auf „andere“ beziehen, also zur Solidarität auffordern, machen es auf der einen Seite leichter, sich praktisch einzubringen. Auf der anderen Seite kann das aber auch polarisieren, weil es keinen Raum gibt, widerstrebende Interessen zu formulieren.
  • Kulturelle Identitäten ermöglichen ein Zusammengehörigkeitsgefühl über soziale Unterschiede hinweg, wirken aber auch ausschließend.
  • Bewegungen müssen eine kollektive Handlungsperspektive eröffnen, die eigene Rolle in der Familie, auf der Arbeit und gegenüber dem Staat zu verändern!

Wir freuen uns auf eine anregende Diskussion!

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Eine kleine Auswahl von Einschätzungen zu Bewegungen der letzten Jahre (zu ergänzen!):

  • Gelbwestenbewegung in Frankreich

Gelbe Westen. Eine Korrespondenz aus Frankreich

In: Theorie & Praxis – Sozialismus in Wissenschaft und Politik, 23. Februar 2019

https://theoriepraxis.wordpress.com/2019/02/23/gelbe-westen/

 

„Die Produktion von Wissen und die Produktion von Konflikten – das gehört für uns zusammen“

Ein Gespräch über die Gelbwesten-Bewegung mit Davide Gallo Lassere von der Plattform für militante Untersuchungen (Paris)

16.Juli 2019

https://translibleipzig.wordpress.com/2019/07/16/die-produktion-von-wissen-und-die-produktion-von-konflikten-das-gehoert-fuer-uns-zusammen-praktische-erfahrungen-in-der-gelbwesten-bewegung/

Christa Wolf: „Der geteilte Himmel“ und „Medea. Stimmen“.

Lesung aus Werken von Christa Wolf

30.August 2019, 19.30 Uhr bei MehrWertKultur, Christa Wolf und Ehemann Gerhard WolfNobleestr.13a

Unbestritten war Christa Wolf (1929 – 2011) eine der prominentesten Schriftstellerinnen der DDR und sie hat unsere Lesungen schon ein paarmal gestreift: Sie gehörte zu den SchrifstellerInnen, die den Appell des sog. Bitterfelder Weges ernstnahm, der forderte, Kultur mit Arbeitern zusammen zu schaffen. So arbeitete sie zeitweise in einer Brigade im Waggonbauwerk Ammendorf, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann auch einen „Zirkel Schreibender Arbeiter“ leitete. Diese Erfahrungen teilte sie u.a. mit Brigitte Reimann, mit der sie bis zu deren Tod 1974 eine enge Freundschaft verband. Und mit Werner Bräunig, dessen zu realistischen Roman „Rummelplatz“ über die Wismut AG und den Uranbergbau sie gegen Vorwürfe der Parteileitung 1965 in Schutz nahm. Und schließlich mit Volker Braun, der 2011 die Abschiedsrede bei ihrer Beerdigung hielt.

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Der geteilte Himmel (1963, ihr zweiter Roman)
1908_Wolf_Himmel„Den Himmel wenigstens, können sie uns nicht teilen. – Doch, der Himmel teilt sich zuallererst“.

Dieser Satz war es, der mich mit damals knapp zwanzig Jahren, bewogen hat, das Buch „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf zu lesen. Ich weiß nicht mehr, wie ich den „Rest“ dann gefunden habe, aber die erneute Lektüre, mehr als dreißig Jahre später, lässt mich wieder mit diesem Satz zurück, der aufs Genaueste zusammenfasst, worum es in diesem Buch geht. Ja, worum eigentlich? Man mag es für eine Liebesgeschichte halten, die da präsentiert wird, aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Denn der Hauptfokus liegt darauf, dass nichts, auch nicht die Liebe, im luftleeren Raum stattfindet. Alles, auch unser Fühlen und Denken, ist eingebettet in Zeit und Raum, die Gesellschaft, in der wir leben und in die Wünsche, Hoffnungen und Ideale, die wir haben und nach denen wir streben. Und all dies lässt sich nicht immer in Einklang bringen. Wonach richten wir unser Handeln aus, was sind die Grundlagen, auf denen wir Entscheidungen treffen, und – die wohl wichtigste Frage, die das Buch aufwirft: Sind Entscheidungen gut und richtig, wenn sie sich richtig anfühlen? Es gibt auch eine Antwort, sie lautet: Nein. Es gibt richtige Entscheidungen, die sich schrecklich anfühlen, es kann Gräben geben, die sich auftun, wo wir zuvor sicheren Grund gespürt haben, es gibt im Herzen nicht nur Platz für die Liebe, sondern dort wohnen auch die Ideale, die Hoffnungen und Vorstellungen von einer besseren Welt. Und in dem Augenblick, in dem diese in Widerstreit treten, müssen wir uns entscheiden. Und solche Entscheidungen können einen zerreißen. Es kann schier unerträglich sein, das „Richtige“ zu tun – ebenso wie es einen zerstören kann, nur blind der Liebe zu folgen. Die Protagonistin des Buches tut das Richtige und geht daran fast zugrunde. In vielerlei Hinsicht beschreibt dies eine spezifische Frauenrealität, denn für Männer stellen sich solcherart Entscheidungen viel seltener. Aber der Konflikt, den Wolf ins Zentrum des Buches stellt, stellt auch eine Realität dar, die es in dieser Form nur in der DDR, nicht aber der BRD gegeben hat. Gehen oder bleiben, das waren für lange Jahre existentielle Entscheidungen, die den Bruch mit allem Gewesenen nach sich zogen. Was dies auf der ganz persönlichen Ebene bedeutete, wird hier gleichermaßen brutal, wie auch einfühlsam dargestellt.
Aus diesem vielschichtigen, klug und emotional, aber niemals larmoyant geschriebenen Büchlein wollen wir einige Etappen lesen.

„Medea. Stimmen“1908_Wolf_Medea

Medea ist 1996, also nach der „Wende“, erschienen. Wolf nahm den antiken Mythos um Jason und Medea auf und interpretierte ihn radikal neu. In der klassische Version sind die Themen die Jagd des griechischen Helden nach dem Goldenen Vlies (ein Schaffell) im sagenhaften Goldland „Kolchis“ mit seinen archaischen Bewohnern, die den Wert des Goldes nicht zu schätzen wissen; der Verrat der kolchischen Prinzessin Medea an ihrem Vater um der Liebe zum Helden Jason willen; dessen Verrat an Medea und ihre blutige Rache. Bei Christa Wolf schimmert ihre Auseinandersetzung um den Untergang der DDR und ihre Übernahme durch die kapitalistischen Gesellschaft durch, ihre Erfahrungen der Treibjagd der 90er Jahre gegen sie aufgrund des Fehlens der geforderten Distanz zur DDR und grundsätzlich einer patriarchalen Deutungshoheit geschichtlicher Prozesse. Sie hat allerdings keine simple Fabel vorgelegt, sondern ein vielschichtiges Werk, das durchaus um „Menschheitsfragen“ kreist.

„Wir leben verkehrt“. Ein Interview mit Christa Wolf über „Medea“ in: DIE ZEIT vom 25.10.2007 – Link

Nationaler Wahn oder EU – Diktatur?

Vorstellung und Diskussion des Buches „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780“ vom Historiker Eric Hobsbawm

Dienstag, 25.Juni 2019 — — — 19.30 Uhr im Mieterpavillon — — — Friedrich-Naumann-Str.7

Manchmal scheint sich nur die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub aufzutun: Auf der einen Seite eine kaum kontrollier- und reformierbare EU- Zentralregierung in Brüssel und auf der anderen Seite sog. „Populisten“, die für einen neuen Konkurrenzkampf der Nationen rüsten. Doch warum gleichen sich in vielen Punkten diese scheinbaren Gegensätze?
1906_MarianneWir fragen uns dagegen: Wie sähe ein Europa und eine Welt aus, die sich weder in Nationen teilt, noch eine zentralisierte Technokratie wäre?
Grundgedanken
Die EU ist keine Institution, die die Einteilung der Welt in Nationalstaaten überwindet, sie ist ein Zusammenschluss von Nationalstaaten. Als solcher lebt sie von den Ungleichheiten ihrer Mitglieder, einem prosperierendem Zentrum und einer wegdriftenden Peripherie. Sie lebt davon, dass Menschen aus dem einen Land in ein anderes gehen, um dort für wenig Geld zu arbeiten. Wenn sich die Löhne angleichen, stellt sie das Gefälle wieder her, indem sie sich um noch ein verarmtes Land erweitert oder Menschen von noch weiter her anwirbt. Um diese Struktur aufrechtzuerhalten, zerstört sie die bisherigen (nationalen) Sozialsysteme und öffentliche Infrastruktur durch den Zwang zu Privatisierungen und Wettbewerb, rüstet sie im Inneren die Polizei immer weiter auf und nach außen das Militär. Sie will Vorreiterin und Mitspielerin in einer Welt sein, die von einigen Machtblöcken beherrscht wird.
Ihre Legitimation ist die einer sog. Europäischen Wertegemeinschaft mit Idealen wie Toleranz, Frauengleichberechtigung und Menschenrechte. Werte, in deren Namen immer mehr Länder in Schutt und Asche gebombt werden. Insofern treffen sich die »Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« mit dem Konsens innerhalb der liberalen Eliten…
Auch europäische Nationalisten stehen nicht außerhalb der EU und träumen von einem unabhängigen Groß-Polen, -Ukraine, -Österreich oder Deutschland. Sie bewegen sich alle im und um den Kosmos der Europäischen Union und wollen für ihre Klientel die Ausgangsbedingungen im Wettbewerb verbessern.1906_Nationen_Buch

Der 2012 im Alter von 95 Jahren gestorbene Historiker Eric Hobsbawm hätte sicherlich auch keine Lösung parat, aber er bietet in seinen Darlegungen zur Geschichte des Nationalstaates und des Nationalismus‘ Anregungen zum Nachdenken über diese Begriffe und die dahinter stehenden Konzepte!

Hier ein Link auf eine pdf-Version des Buches!