Christa Wolf: „Der geteilte Himmel“ und „Medea. Stimmen“.

Lesung aus Werken von Christa Wolf

30.August 2019, 19.30 Uhr bei MehrWertKultur, Christa Wolf und Ehemann Gerhard WolfNobleestr.13a

Unbestritten war Christa Wolf (1929 – 2011) eine der prominentesten Schriftstellerinnen der DDR und sie hat unsere Lesungen schon ein paarmal gestreift: Sie gehörte zu den SchrifstellerInnen, die den Appell des sog. Bitterfelder Weges ernstnahm, der forderte, Kultur mit Arbeitern zusammen zu schaffen. So arbeitete sie zeitweise in einer Brigade im Waggonbauwerk Ammendorf, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann auch einen „Zirkel Schreibender Arbeiter“ leitete. Diese Erfahrungen teilte sie u.a. mit Brigitte Reimann, mit der sie bis zu deren Tod 1974 eine enge Freundschaft verband. Und mit Werner Bräunig, dessen zu realistischen Roman „Rummelplatz“ über die Wismut AG und den Uranbergbau sie gegen Vorwürfe der Parteileitung 1965 in Schutz nahm. Und schließlich mit Volker Braun, der 2011 die Abschiedsrede bei ihrer Beerdigung hielt.

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Der geteilte Himmel (1963, ihr zweiter Roman)
1908_Wolf_Himmel„Den Himmel wenigstens, können sie uns nicht teilen. – Doch, der Himmel teilt sich zuallererst“.

Dieser Satz war es, der mich mit damals knapp zwanzig Jahren, bewogen hat, das Buch „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf zu lesen. Ich weiß nicht mehr, wie ich den „Rest“ dann gefunden habe, aber die erneute Lektüre, mehr als dreißig Jahre später, lässt mich wieder mit diesem Satz zurück, der aufs Genaueste zusammenfasst, worum es in diesem Buch geht. Ja, worum eigentlich? Man mag es für eine Liebesgeschichte halten, die da präsentiert wird, aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Denn der Hauptfokus liegt darauf, dass nichts, auch nicht die Liebe, im luftleeren Raum stattfindet. Alles, auch unser Fühlen und Denken, ist eingebettet in Zeit und Raum, die Gesellschaft, in der wir leben und in die Wünsche, Hoffnungen und Ideale, die wir haben und nach denen wir streben. Und all dies lässt sich nicht immer in Einklang bringen. Wonach richten wir unser Handeln aus, was sind die Grundlagen, auf denen wir Entscheidungen treffen, und – die wohl wichtigste Frage, die das Buch aufwirft: Sind Entscheidungen gut und richtig, wenn sie sich richtig anfühlen? Es gibt auch eine Antwort, sie lautet: Nein. Es gibt richtige Entscheidungen, die sich schrecklich anfühlen, es kann Gräben geben, die sich auftun, wo wir zuvor sicheren Grund gespürt haben, es gibt im Herzen nicht nur Platz für die Liebe, sondern dort wohnen auch die Ideale, die Hoffnungen und Vorstellungen von einer besseren Welt. Und in dem Augenblick, in dem diese in Widerstreit treten, müssen wir uns entscheiden. Und solche Entscheidungen können einen zerreißen. Es kann schier unerträglich sein, das „Richtige“ zu tun – ebenso wie es einen zerstören kann, nur blind der Liebe zu folgen. Die Protagonistin des Buches tut das Richtige und geht daran fast zugrunde. In vielerlei Hinsicht beschreibt dies eine spezifische Frauenrealität, denn für Männer stellen sich solcherart Entscheidungen viel seltener. Aber der Konflikt, den Wolf ins Zentrum des Buches stellt, stellt auch eine Realität dar, die es in dieser Form nur in der DDR, nicht aber der BRD gegeben hat. Gehen oder bleiben, das waren für lange Jahre existentielle Entscheidungen, die den Bruch mit allem Gewesenen nach sich zogen. Was dies auf der ganz persönlichen Ebene bedeutete, wird hier gleichermaßen brutal, wie auch einfühlsam dargestellt.
Aus diesem vielschichtigen, klug und emotional, aber niemals larmoyant geschriebenen Büchlein wollen wir einige Etappen lesen.

„Medea. Stimmen“1908_Wolf_Medea

Medea ist 1996, also nach der „Wende“, erschienen. Wolf nahm den antiken Mythos um Jason und Medea auf und interpretierte ihn radikal neu. In der klassische Version sind die Themen die Jagd des griechischen Helden nach dem Goldenen Vlies (ein Schaffell) im sagenhaften Goldland „Kolchis“ mit seinen archaischen Bewohnern, die den Wert des Goldes nicht zu schätzen wissen; der Verrat der kolchischen Prinzessin Medea an ihrem Vater um der Liebe zum Helden Jason willen; dessen Verrat an Medea und ihre blutige Rache. Bei Christa Wolf schimmert ihre Auseinandersetzung um den Untergang der DDR und ihre Übernahme durch die kapitalistischen Gesellschaft durch, ihre Erfahrungen der Treibjagd der 90er Jahre gegen sie aufgrund des Fehlens der geforderten Distanz zur DDR und grundsätzlich einer patriarchalen Deutungshoheit geschichtlicher Prozesse. Sie hat allerdings keine simple Fabel vorgelegt, sondern ein vielschichtiges Werk, das durchaus um „Menschheitsfragen“ kreist.

„Wir leben verkehrt“. Ein Interview mit Christa Wolf über „Medea“ in: DIE ZEIT vom 25.10.2007 – Link

Nationaler Wahn oder EU – Diktatur?

Vorstellung und Diskussion des Buches „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780“ vom Historiker Eric Hobsbawm

Dienstag, 25.Juni 2019 — — — 19.30 Uhr im Mieterpavillon — — — Friedrich-Naumann-Str.7

Manchmal scheint sich nur die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub aufzutun: Auf der einen Seite eine kaum kontrollier- und reformierbare EU- Zentralregierung in Brüssel und auf der anderen Seite sog. „Populisten“, die für einen neuen Konkurrenzkampf der Nationen rüsten. Doch warum gleichen sich in vielen Punkten diese scheinbaren Gegensätze?
1906_MarianneWir fragen uns dagegen: Wie sähe ein Europa und eine Welt aus, die sich weder in Nationen teilt, noch eine zentralisierte Technokratie wäre?
Grundgedanken
Die EU ist keine Institution, die die Einteilung der Welt in Nationalstaaten überwindet, sie ist ein Zusammenschluss von Nationalstaaten. Als solcher lebt sie von den Ungleichheiten ihrer Mitglieder, einem prosperierendem Zentrum und einer wegdriftenden Peripherie. Sie lebt davon, dass Menschen aus dem einen Land in ein anderes gehen, um dort für wenig Geld zu arbeiten. Wenn sich die Löhne angleichen, stellt sie das Gefälle wieder her, indem sie sich um noch ein verarmtes Land erweitert oder Menschen von noch weiter her anwirbt. Um diese Struktur aufrechtzuerhalten, zerstört sie die bisherigen (nationalen) Sozialsysteme und öffentliche Infrastruktur durch den Zwang zu Privatisierungen und Wettbewerb, rüstet sie im Inneren die Polizei immer weiter auf und nach außen das Militär. Sie will Vorreiterin und Mitspielerin in einer Welt sein, die von einigen Machtblöcken beherrscht wird.
Ihre Legitimation ist die einer sog. Europäischen Wertegemeinschaft mit Idealen wie Toleranz, Frauengleichberechtigung und Menschenrechte. Werte, in deren Namen immer mehr Länder in Schutt und Asche gebombt werden. Insofern treffen sich die »Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« mit dem Konsens innerhalb der liberalen Eliten…
Auch europäische Nationalisten stehen nicht außerhalb der EU und träumen von einem unabhängigen Groß-Polen, -Ukraine, -Österreich oder Deutschland. Sie bewegen sich alle im und um den Kosmos der Europäischen Union und wollen für ihre Klientel die Ausgangsbedingungen im Wettbewerb verbessern.1906_Nationen_Buch

Der 2012 im Alter von 95 Jahren gestorbene Historiker Eric Hobsbawm hätte sicherlich auch keine Lösung parat, aber er bietet in seinen Darlegungen zur Geschichte des Nationalstaates und des Nationalismus‘ Anregungen zum Nachdenken über diese Begriffe und die dahinter stehenden Konzepte!

Hier ein Link auf eine pdf-Version des Buches!