Medizinmänner und Schamanen. Gedanken zum Notstand

Im Jahre 2001 sprach der damalige US- Verteidigungsminister Dick Cheney von der „Neuen Normalität“, an die man sich durch den „Krieg gegen den Terror“ gewöhnen müsse – Suspendierung von grundlegenden Menschenrechten und einem Leben in permanenter Unsicherheit. Der „Krieg gegen den Terror“ hat nach 20 Jahren seine Legitimation für den Ausnahmezustand verloren; zu deutlich sind die Verstrickungen staatlicher Stellen in Terrorakte, wie dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin geworden. Zu monströs sind die Verbrechen geworden, die ungezählten Opfer willkürlicher Bombardierungen in Afghanistan, Syrien, dem Jemen und vielen anderen Ländern. Teilweise ersetzt wird die Angst vor dem Terror durch Angst vor Krankheit. Das eine wie das andere gibt es sicherlich – jede Gesellschaft gebiert die Ungeheuer, die zu ihr passen.

Zufällig sind wir in den letzten Tagen auf einen Blog gestoßen, auf dem u.a. ein Autor unter dem Pseudonym „Sebastian Lotzer“ (1) seit dem Frühjahr letztes Jahr ein „Pandemie-Kriegstagebuch“ geführt hat. Sein jüngster Beitrag – mit dem Titel „Endgames“ – trifft an seinem Ausgangspunkt ganz gut den Nerv: Langsam sei der Zeitpunkt gekommen, die Diskussion um die staatliche Notstandspolitik im Namen der Gesundheitsfürsorge abzuschließen. Das Handeln des Staates, sein Agieren im Notstand ist aber nicht vom Gedanken der Fürsorge für alle Einwohner und des Erhaltes ihrer Gesundheit (höchstens ihrer Arbeitskraft) getrieben, sondern davon, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Es werden keine Leben gerettet, sondern Armut verschärft, soziale Infrastruktur weiter abgebaut, Grenzen neu gezogen usw.

Im Blog des „Wu Ming“ – (Schriftsteller-) Kollektivs (2) aus Italien wurde das Problem folgendermaßen formuliert:

„Es ist eine Art Unbestimmtheitsprinzip im Heisenberg‘schen Sinne, zwischen Virus und Notstand. Man kann nicht auf beides schauen und die Augen offen halten, man unterschätzt entweder das eine oder das andere. Sie unterschätzen in den Augen des anderen. Das heißt: für denjenigen, der das Virus gut sieht (oder glaubt, es gut zu sehen), ist der Notfall nur eine Eventualität, die vorübergeht, wenn das Virus vorübergeht; für denjenigen, der den Notstand gut sieht (oder glaubt, es gut zu sehen), wird das Virus, wie ernst und gefährlich es auch sein mag, immer weniger tödlich sein als die Folgen, die die Notstandspolitik verursacht. Jede Diskussion hat diese Instabilität in sich, und sie an die Oberfläche zu bringen, kann nur gut sein

Lotzer formuliert etwas pathetisch, und ist sehr von einer Stimmung der Endzeit, des Untergangs der kapitalistischen Welt in einem globalen Aufstand, geprägt. Das erste Jahr im Corona- Ausnahmezustand sei eine Ouvertüre für das, was uns in den nächsten Jahren bevorstehe.

Was ist der gesellschaftliche Rahmen? Eine historische Krise der kapitalistisch organisierten Gesellschaft – und ihr Zerfall und Bürgerkrieg:

Im Endgame des Empire werden wir den Zustand des Bürgerkriegs als die gegenwärtigste der Möglichkeiten erleben. In einer Welt der weltweiten Vernetzung und Lieferketten muss die Verwertung dann unter den Bedingungen des Bürgerkrieges gesichert werden.“

Was verändert sich durch den Ausnahmezustand?

Die Erfahrungen der Kontrolle und Segregation, die das Empire im derzeitigen Pandemie Ausnahmezustandes gesammelt hat, wird als Blaupause für die Kontrolle über die zukünftigen Konfliktualitäten dienen. Dies trifft auch auf das Terrain der massiven gesellschaftlichen Desinformationen und Manipulationen zu, die derzeit in einer atemberaubenden Art und Weise zu beobachten sind. Darüber hinaus erleben wir im “Krieg gegen das Virus” die Militarisierung der sozialen Beziehungen, des Sozialen selbst. Kranke werden “Gefährder”, Nachbargemeinden zu feindlichen Gebieten, zu denen man sich aufgrund “hoher Infektionsraten” abgrenzen muß, Grenzübertritte sind mit allen Mitteln zu verhindern. Der Pandemie Ausnahmezustand nimmt den zukünftigen Bürgerkrieg vorweg, zielt aber zugleich auf die Auslöschung jeglicher Möglichkeit des Antagonismus, weil er die totale Individualisierung (die höchstens noch die Kernfamilie als Bezugsrahmen kennt) als Überlebensbedingung propagiert.“ (Endgames)

Worauf steuern wir zu?

Zum einen werden staatliche Institutionen und demokratische Prozedere umgebaut. Die Verwaltung im Krisenfall obliegt Krisenstäben, in denen Verwaltungsleute, Unternehmen und Bundeswehr sitzen. Beschlüsse werden gefasst, ohne dass sie in irgendeiner Form zur Diskussion gestellt werden müssten.

Statt staatliche Institutionen angesichts einer Krisensituation zu stärken, verstärkt sich der Trend zur Privatisierung oder Delegation an die Armee. (3)

Es werden Infrastrukturen für die Zukunft aufgebaut: Gesundheitsminister Spahn treibt seit Jahren die grundsätzliche Freigabe aller medizinischer Daten für Privatfirmen und Behörden an. Die Kontrolle des Impfstatus‘ der Bürger ist ein Baustein, dem weitere folgen können. Das Ziel mag in dem einen Fall die direkte Kontrolle sein, wer eben z.B. gegen eine bestimmte Krankheit geimpft ist. In dem anderen Fall mag es um den Ausschluss von Versicherungsleistungen bei „selbstverschuldeten“ Krankheiten etwa durch’s Rauchen gehen. Oder um die automatisierte Festlegung von Behandlungswegen durch die „Künstliche Intelligenz“.

Gefährlich ist aber auch die psychologische Durchsetzung von Mechanismen der Ab- und Ausgrenzung, der Akzeptanz autoritärer Strukturen und nicht zu hinterfragender Sachzwänge.

Diese Verhältnisse sind nicht äußerlich, allein von oben angeordnetes und durch Zwang durchgesetzt. Sie sind im Inneren unseres sozialen Lebens und bestimmen auch unsere Möglichkeiten, Kollegialität auf der Arbeit zu entwickeln, sich zu organisieren und gemeinsam für ein besseres Leben einzutreten.

Folgende drei Texte fanden wir hilfreich::

Sebastian Lotzer: Endgames ( https://non.copyriot.com/endgames-part-l/ ) oder hier als PDF-Datei:

Wu Ming: Mao Dun: In welche Fallen wir bei der Diskussion über den
“Coronaviren-Notstand ” tappen
(Übersetzung von Sebastian Lotzer https://non.copyriot.com/pandemie-kriegstagebuecher-von-maeusen-und-menschen/ ) oder hier als PDF-Datei

Dunja Larise: Macht, Autorität und Legitimität in Zeiten des Lockdown (deutsche Übersetzung hier als PDF)

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1 Dieses Pseudonym ist offensichtlich nicht zufällig gewählt: Lotzer war einer der Sprecher der Memminger Bauern im Bauernkrieg 1525 und hat die sog. Zwölf Artikel mit formuliert. Diese gelten als eine der ersten schriftlichen Fassungen von Menschen- und Freiheitsrechten in Europa, und wurden in offenen Versammlungen der Bauern beschlossen.

 Wu Ming
Logo von Wu Ming

2 Wu Ming nennt sich ein Autorenkollektiv aus Norditalien. Wu Ming sei Chinesisch und bedeute „Ohne Namen“.
Einige deutsche Übersetzungen sind im Hamburger Verlag Assoziation A erschienen:
https://www.assoziation-a.de/autoren/Wu_Ming

3 siehe z.B.:Informationsstelle Militarisierung: Die Bundeswehr im Corona-Einsatz. Inlandseinsatz historischer Dimension zum 65. Geburtstag
http://www.imi-online.de/2020/12/15/die-bundeswehr-im-corona-einsatz/
oder Thomas Wiegold auf seinem Blog zur Militarisierung des Innern, »Augen geradeaus«: https://augengeradeaus.net/?s=Corona

Aus der Heimarbeit zum Generalstreik??

Das neue Jahr hat angefangen, aber es geht weiter mit der „Neuen Normalität“. Es gäbe viele Themen, über die wir gerne diskutieren würden, aber noch immer überwiegt Corona alles. Wir hoffen, dass das nicht so bleibt!

moderner „kreativer“ Heimarbeiter

Der Kolumnist Helmut Höge hat Ende Dezember auf eine interessante Folge des Home Office – Booms hingewiesen: Das epidemische Problem der „ZOOM- Faces“. Immer mehr jungen und nicht mehr ganz jungen Menschen fällt auf, dass ihr Bild bei Videokonferenzen sehr unvorteilhaft aussieht. In den USA werden – Corona zum Trotz – so viele kosmetische Operationen wie noch nie durchgeführt und Botox tonnenweise verkauft. In Deutschland sei das Umgehen immer noch stärker pädagogisch geprägt, man versuche sich in psychologischer Anpassung an eine verquere Umwelt. Da sieht er Parallelen zum zwangsweisen Anpassen der Ostdeutschen in den 90er Jahren: Sie wurden in unzähligen Videokursen „fit“ für die (westliche) Realität gemacht, in der es nur um den Verkaufsfaktor geht und die Persönlichkeit keine Rolle spielt. (Amerikanisierung. Junge Welt, 29.12.2020)
Über den Hinweis auf diese sehr speziellen Probleme sind wir nur gestolpert, weil wir in einem anderen Zusammenhang an die Problematik von Heimarbeit, auch: Home Office, gestoßen sind. Und zwar die Frage, wie wir uns organisieren sollten, wenn persönliches Zusammenkommen geächtet wird: Seit einigen Wochen erhält eine Internetkampagne namens ZeroCovid recht viel Aufmerksamkeit (Link zum Aufruf: https://zero-covid.org/ ) . Kerngedanke ist es, den Lockdown auf alle „gesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche“ der Wirtschaft auszudehnen und das ganze „selbstbestimmt“ und „solidarisch“. Der Lockdown solle nicht von oben durchgesetzt, sondern von unten in den Betrieben „gestaltet“ und umgesetzt werden. Staat und Unternehmer sollen dann für den Erhalt des Lebensstandards der Beschäftigten und darüber hinaus „aller“ Menschen garantieren plus das Gesundheitswesen ausbauen. Damit schwebt den Initiatoren offensichtlich so etwas wie ein europäischer Generalstreik zum Gesundheitsschutz vor. Nachdem die Infektionszahlen auf nahezu Null heruntergegangen sein würden, könnten die Einschränkungen vorsichtig gelockert werden. In der Zeit danach reichten eine „Kontrollstrategie“ und „energische Eindämmung“ regionaler Ausbrüche. Die Künstler und Akademiker, die die Petition initiiert haben, wollen so eine Strategie formulieren, die die Maßnahmen der Regierung aus einem Blickwinkel der „Solidarität“ kritisiert, um sich von „Querdenkern“ abzusetzen:

Ppapierblumen sortieren, New York, 20er Jahre

„Demokratie ohne Gesundheitsschutz ist sinnlos und zynisch. Gesundheitsschutz ohne Demokratie führt in den autoritären Staat. Die Einheit von beidem ist der entscheidende Schlüssel zu einer solidarischen ZeroCovid-Strategie“

Manches davon hört sich auf den ersten Blick ganz sympathisch an – aber wie sieht das im Detail aus, wie müssen wir uns die geforderte „Pause“ vorstellen?

1) Zunächst soll es ja um einen selbstbestimmten Generalstreik gehen. Gut. Aber wer soll den Generalstreik organisieren, wenn man sich nur noch im Internet trifft / treffen darf? Es ist realitätsfern, zu glauben, dass das soziale Miteinander im Alltag entbehrlich ist. Gerade dann, wenn man gegen den Chef etwas durchsetzen will und unter Druck steht. Die einzigen, die in dieser Vision als Handelnde überbleiben, sind gewerkschaftliche und behördliche Verwaltungsapparate. Mit Selbstbestimmung hat das nichts zu tun.

2) Welches sind die „gesellschaftlich dringend erforderlichen“ Bereiche der Wirtschaft und welche fallen nicht darunter? Klar, Luxuskonsumwaren braucht man nicht unbedingt – vor allem, wenn man sie sich eh nicht leisten kann. Kreuzfahrten und die Harley Days auf der Reeperbahn kann man auch aussetzen, ebenso Schönheitsoperationen und Friseurbesuche. Aber dann wird es schon schwierig; auf eine gesellschaftliche Infrastruktur kann man nicht längere Zeit verzichten: Essen muss produziert, transportiert und verteilt werden. Müll muss entsorgt, Strom und Wärme produziert werden. Kleidung ist im Winter auch nicht schlecht. Krankenversorgung braucht viele Hilfsmittel und Apparaturen. Die müssen gewartet werden und es braucht Ersatzteile, usw. usf. Es lassen sich kaum ganze überflüssige Bereiche ausmachen. Tatsächlich gibt es viele Tätigkeiten, die überflüssig sind. Wie könnte man die Arbeitskraft von Polizisten, Soldaten und Immobilienmakler gesellschaftlich sinnvoll einsetzen, statt die einen auf die Jagd auf Maskensünder zu schicken und die anderen bezahlt zu Hause sitzen zu lassen?

3) Stellen wir uns doch die Frage, welche Tätigkeiten gesellschaftlich wichtig sind und wie die im Interesse des Gesundheitsschutzes gestaltet werden sollten. Daraus ergäben sich Fragen, wie die unverzichtbare Arbeit gestaltet werden sollte. Da ist „Abstand halten“ zu Kollegen vielleicht eine Möglichkeit, aber sicherlich nicht die einzige. U.U. könnte das Arbeitstempo heruntergefahren, die Arbeitsteilung zurückgenommen werden o.a. Darüber sollte in den Betrieben eine Diskussion angeregt werden!

Böhmische Zigarrendreher, ca. 1890

4) Zurück zur Petition: Irgendwann steckt sich niemand mehr an, weil die Menschen sich nicht mehr treffen. Gut, alsdann sollen Kontrollstrategien und energische Eindämmung greifen. Was heißt das, wenn nicht staatliche Zwangsmaßnahmen: Kontrolle der sozialen Kontakte („Kontaktverfolgung“) und Quarantäne / Isolation. Entweder Isolation einzelner potenziell ansteckender Menschen oder präventive Isolation bestimmter Regionen. Tja, geht das noch „selbstbestimmt“?? Was passiert, wenn Menschen sich weigern, ihre Kontakte preiszugeben oder nicht in Isolation gehen wollen? Wer setzt Grenzen zwischen Ländern oder Regionen durch? Wie verträgt sich das mit der Forderung nach offenen Grenzen?

5) Der Staat sorgt für die Finanzierung, indem er Steuern auf hohe Vermögen und Einkommen erhebt. Welcher Staat? Schließlich geht es ja um ganz Europa. Also die EU oder die einzelnen Nationalstaaten mit ihren sehr unterschiedlichen Ressourcen. Irgendwie verteilen soll „er“ (welcher Staat auch immer) das auch, aber unter dem Druck selbstbestimmter und -organisierter Menschen …

„Hört auf die Wut des Volkes“ – Generalstreik 2010 in Le Havre, Frankreich, 2010

Wenn wir aus dieser Kampagne einen positiven Gedanken ziehen wollen, dann den, dass der Widerspruch zwischen sozialer Isolation im privaten Bereich und Weiterlaufenlassen der Wirtschaft sowie die sozialen Ungerechtigkeiten thematisiert werden. Es täte allerdings besser, über diese Widersprüche in der Welt um einen herum offen zu diskutieren, statt Antworten vorzugaukeln, die keine sind!

Permanenter Notstand im Betrieb?

Als ab März die Horrormeldungen aus Spanien und Italien rumgingen, ist wohl kaum jemand unberührt geblieben. Die Angst vor einer individuellen Ansteckung mit der Krankheit hat erstmal alles andere in den Hintergrund gerückt. Kurzarbeitergeld und staatliche Hilfen haben die Angst vor Einkommensverlusten für viele gemildert. Dann griff die Angst vor den politischen Maßnahmen um sich, die auch der deutsche Staat ergreift, um die Krise beherrschen zu können. Heute wiederum drängt sich langsam, zwar nicht überall, aber in vielen Betrieben, die Angst vor dem eigenen wirtschaftlichen Absturz in den Vordergrund: vor Entlassungen, Lohnkürzungen und mehr Arbeit in weniger Zeit.

NYC_Corona_ProtestStändig in Angst zu leben, ist nicht schön, sie lähmt; Wenn wir hinter unseren Ängste etwas Positives finden wollen, können wir in ihnen vielleicht einen Wunsch nach gesunden und sozial gerechten Lebensbedingungen und einen nach gesellschaftlicher Selbstbestimmung entdecken. Nur wie können solche Ziele in der Falle zwischen Krankheit, ökonomischen und politischen Zwängen formuliert und durchgesetzt werden?

Wir fragen uns, wie sich die Situation in den Betrieben nach einem halben Jahr „Corona- Notstand“ und vor dem Auslaufen staatlicher Sicherungsmaßnahmen und der zu erwartenden Verschärfung der wirtschaftlichen Krise im Herbst heute darstellt.

Grob gesagt, geht es uns darum, nachzufragen,

  1. welche Maßnahmen von Betrieben getroffen wurden, um das Ansteckungsrisiko und Ausfälle zu vermindern,
  2. ob und wie diese Maßnahmen von den Betrieben als Möglichkeit zur Rationalisierung dauerhaft beibehalten werden sollen und
  3. wie diese Maßnahmen die Möglichkeiten der Arbeitenden, sich gegen den wirtschaftlichen Druck der Unternehmer zu wehren, beeinflussen.

Wir wollen eine Umfrage starten, um eine Idee davon zu bekommen, an welcher Stelle die größten und drängendsten Schwierigkeiten bestehen. Es hat sich mancherorts viel verändert: So hast du bspw. Kurzarbeit oder Home Office möglicherweise als Chance erlebt, der Ansteckungsgefahr im Betrieb zu entkommen. Wenn man dann alleine zu Hause sitzend die Kündigung oder die Nachricht von betrieblichen Umstrukturierungen erhält, können einem die Kollegen und Kolleginnen fehlen. Oder dir können die Maßnahmen zur räumlichen und zeitlichen Isolierung (wie versetzte Schichten, Kontaktverbote etc.) auf die Füße fallen, weil sie anfangs vielleicht einen gewissen Ansteckungsschutz versprachen, aber heute verhindern sie eine gemeinsame Verständigung mit den Kolleginnen und Kollegen, wie man zusammen die Arbeitsbedingungen verbessern kann oder schlicht Betriebsschließungen verhindern kann.

Besonders krass ist es dort, wo ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter zu niedrigen Löhnen arbeiten und wenn Infektionen auftreten – Quarantänemaßnahmen verhindern, dass sie inner- und außerhalb des Betriebes zusammenkommen und sich Gehör verschaffen.

Diese Umfrage sollte nicht virtuell bleiben, sondern in persönlichen Interviews und Gesprächen vertieft und ihre Ergebnisse hoffentlich auch in öffentlichen Veranstaltungen gemeinsam diskutiert werden. Dort könnten dann auch Ideen entwickelt werden, wie wir gemeinsam praktisch – im Rahmen unserer Möglichkeiten – handeln können.

Also haben wir haben uns ein paar Angebote ausgedacht und rufen euch auf, mitzumachen:

  1. ein recht kurzer (Internet-)Fragebogen: (Link)
  2. die Möglichkeit, Kontakt mit uns aufzunehmen und ein persönliches Gespräch zu führen. Wir können verabreden, ob und wie wir das in einer…
  3. Sammlung von Berichten / Interviews aus Betrieben veröffentlichen. Selbstverständlich nur in einer Form, die ihr selber wünscht und selbstverständlich anonymisiert!
    Einen ersten Anfang haben wir mit drei Übersetzungen von Interviews aus London vom Blog „Let’s get rooted“ gemacht (https://letsgetrooted.wordpress.com).

    Zum einen eines mit einem Londoner U-Bahn- Fahrer: (Arbeiten im Londoner Untergrund).
    Zum zweitens eines mit einer Hebamme aus London: (2007_London_Interview_NHS)
    Schließlich eines mit einer Krankenschwester in Ausbildung: (2008_London_Pflegerin)

Gekrönte Häupter. Macht Corona die Gesellschaft autoritärer?

20200514_Kontrolle(Direkt zum aktuellen Text: 200515_LC_Militarisierung)

 

In diesen Tagen treffen uns rätselhafte und widersprüchliche Botschaften. Nein, die, dass Corona aus dem All käme, ist ja harmlos. Schwieriger ist die grundsätzliche Verwirrung, die um sich greift: Die einen verteidigen mehr oder minder bedingungslos die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Epidemie,  andere lehnen sie – aus verschiedensten Gründen – ab. Wieder andere sehen vielleicht tatsächlich allein finstere Mächte am Werk, die sich den ganzen Spuk nur aus Boshaftigkeit ausgedacht haben. Allgemein fällt es allen schwer, die Logik der staatlichen Maßnahmen im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Krise zu erkennen  und noch schwerer fällt es, Alternativen zu entwickeln.  „Alternativlos“ ist das  Schlagwort aller Regierungen seit Jahrzehnten. Alle Katastrophen, alles Leiden und Sterben wird als technisches Problem (Klimawandel), oder jetzt als medizinisches Problem dargestellt. Solange wir das so sehen, gibt es tatsächlich keine Alternative zu Elektro-Rollern und obligatorischen Impfungen. Nur: Das Herumdoktorn an Symptomen (wie dem Klimawandel usw.) ist keine Lösung, sondern verschiebt die Probleme und macht sie somit  letztendlich größer. Die Katastrophen sind dagegen Ausdruck der sozialen Probleme unserer Gesellschaft. Die Suche nach Lösungen muss also auch genau da ansetzen.

Die „Hygiene- Demos“ ab Ende März in Berlin haben wir bis vor kurzem gar nichts so richtig wahrgenommen. Aber nun ist die Debatte um die Legitimität staatlicher Zwangsmaßnahmen auch nach Hamburg geschwappt. Diese Demonstrationen – wie auch die Kritik daran – verweisen unseres Erachtens auf die Notwendigkeit der Einordnung der Corona-Maßnahmen in einen größeren politischen Rahmen. Hier scheint es, bedingt durch generationenspezifisch unterschiedliche politische Erfahrungen, zu generationenspezifisch unterschiedlichen Einschätzungen zu kommen.

Velten Schäfer stellt den Streit um die Deutung in der Zeitung „Neues Deutschland“ ebenfalls in einen Zusammenhang unterschiedlicher Erfahrungen von Generationen:

Zu den Merkwürdigkeiten der »Corona-Krise« gehört ihr absurder Effekt auf die gesellschaftliche Linke. Gerade »Ältere« – die selbst, soweit man das weiß, ja eher zu den »Risikogruppen« zählen – scheinen zuweilen fast mehr als vom Virus selbst davon erschreckt zu sein, wie schnell, weitreichend und widerstandslos Grundrechte suspendiert werden können und wie stark die jeweiligen Machthaber davon profitieren. Die »Jüngeren« dagegen, die persönlich weniger gefährdet sind, neigen offenbar häufig dazu, der existenziellen Bedrohung durch die Infektionskrankheit alles unterzuordnen und eher noch konsequentere »Maßnahmen« zu fordern.“

„Die heute älteren Traditionen der Linken – rund um die »Neue Linke« der 1960er und 1970er Jahre – haben als Kristallisationspunkt den Widerstand gegen die Notstandsgesetze von 1968. In der jüngeren Tradition gilt hingegen gerade das Ausrufen von Notständen – von Beschneidungen des politischen Prozesses durch die Exekutive – als Mittel gesellschaftlicher Transformation. Am sichtbarsten wurde dies zuletzt in der Klimafrage. So schließen sich diese Jüngeren zunehmend unkritisch vermeintlichen Maßnahmen-Champions à la Markus Söder an, während jene Älteren plötzlich neben den Neoliberalen stehen, denen es freilich weniger um demokratische Rechte geht als um das Wiederanfahren der Profitwirtschaft.

Schäfer plädiert dafür, die sozialen Auseinandersetzungen in den Mittelpunkt zu rücken:

Gefragt ist jetzt »Massenpolitik«. Also der Versuch, auf allgemeine, große Schalter zu drücken, an die eine Mehrheit angeschlossen ist. Diese Politik des kleinsten Nenners – Abwehr der Austeritätsoffensive – ist nicht alles, ohne sie ist aber alles nichts. Zurückstehen muss einstweilen die politische Logik jenes »Movementismus«, der die vergangenen zwei Jahrzehnte bestimmte. Es ist für den Moment höchst kontraproduktiv, nicht auf das Allgemeine zu zielen, sondern auf das Besondere, die Differenz.
An jener Mehrheit, um deren Köpfe nun gerungen werden muss, wird einem nicht alles gefallen. Doch sind Themen wie etwa Gesundheit und Rente für nationalistische Kampagnen schwierig, weil es um Beitragssysteme geht und nicht um staatsbürgerschaftliche [Systeme]. Der momentane Abstieg der AfD, bislang der erfreulichste Effekt der Krise, wird sich verstetigen, wenn der Fokus auf diesen Für-alle-Themen ruht. Und vielleicht findet sich in dieser gemeinsamen Abwehrschlacht jenes bislang notorisch abwesende Element, das das sprichwörtliche »Mosaik« der emanzipatorischen Bewegungen zu wirksamer Bündelung führt.

Brot und Butter: Die Linke muss sich auf den Verteilungskampf vorbereiten, der nach der Krise droht.  Neues Deutschland, 25.04.2020

Wir denken, dass es nicht allein um die Frage der Verteilung des Kuchens geht, sondern vor allem um die Frage, wie „Tag für Tag in der Backstube gearbeitet wird“. Von diesem Alltag aus muss sich Widerstand entwickeln. Genau daran muss man weiterdiskutieren!

Unsere Gedanken dazu findet ihr hier: (200515_LC_Militarisierung)

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Ein paar Quellen zum Nachlesen:

Militarisierung der bundesdeutschen Innenpolitik. Der Inlandseinsatz der Bundeswehr wird konsequent vorbereitet“. Beitrag von Frank Brendle (u.a. Landessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft Berlin-Brandenburg) von 2008

Die Informationsstelle Militarisierung e.V. in Tübingen beschäftigt sich seit Jahren auch mit der Militarisierung der deutschen Innenpolitik,

z.B. „An der Grenze der Verfassung und darüber hinaus“ von Martin Kirsch, 2020

Die staatliche Strategie des Umgangs mit einer Virus- Pandemie ist unter der Hoheit des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe schon 2007 festgelegt worden. Man kann sich darüber erzürnen, dass die Warnungen vor einem Mangel an Schutzkleidung in den 13 Jahren danach nicht ernstgenommen wurden. Interessanter ist jedoch, sich den Rahmen zu verdeutlichen, in dem staatliche Katastrophenhilfe heute stattfindet: Unternehmer, staatliche Institutionen, Hilfsorganisationen und das Militär planen den Katastrophenfall. Um „uns“ geht es dabei zu allerletzt.

Auswertungsbericht zur Übung Lükex 2007

Zum Schluss noch das offizielle Strategiepapier eben dieses Bundesamtes aus dem Jahr 2010, besonders der Punkt „Zivil- Militärische Zusammenarbeit“

Neue Strategie zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland

 

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern…

1965 veröffentlichte der Liedermacher Franz Josef Degenhardt das Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“.  Es ging ihm Mitte der 60er Jahre um die verlogene Nachkriegsgesellschaft: Ein Junge aus vielleicht besserem Hause, der viel lieber bei den Kindern der armen Nachbarschaft spielt, jedoch von seiner Familie gezwungen wird, auf das Gymnasium zu gehen und den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen. Dem beugt er sich schließlich, wird verbittert und tritt aus Selbsthass gegen seine ehemaligen Spielkameraden.

Das hat nichts mit Viren und Epidemien zu tun, aber einen Anknüpfungspunkt an die aktuelle Situation bietet sich doch: Die Gefahr, dass die geforderte „Soziale Distanzierung“ auch tatsächlich als eine soziale, also gesellschaftliche Distanzierung wirkt.

Wir haben uns ein paar Gedanken zu anstehenden zweiten Phase der „Corona- Krise“ gemacht. Leider müssen wir momentan auf eine öffentliche Debatte verzichten, aber ihr seid herzlich eingeladen, euch zu äußern, eure Gedanken mitzuteilen – auch Kritik!

Da der Text etwas länger ist (sechs Seiten), haben wir ihn als PDF- Datei bereitgestellt.

Link ist hier!

Wir freuen uns, euch hoffentlich bald wieder treffen zu können!

 

Das Virus und die Apokalypse?

Wie alle anderen müssen auch wir unsere öffentlichen Veranstaltungen bis auf Weiteres absagen.

Wir sind durchaus zwiegespalten; erhöhte Sensibilität angesichts einer durchaus ernsthaften Krankheitswelle ist wichtig. Auf der anderen Seite gibt es auch ein großes Bedürfnis, die gesellschaftliche Situation zu diskutieren, um nicht in Panik zu verfallen.

Letztendlich geht es nicht nur um ein individuelles Erkrankungsrisiko, sondern auch um die sozialen Auswirkungen eines Wirtschaftssystems, das auf einer immer stärkeren Polarisierung beruht und nun droht, vollends zu kollabieren. Wenn es lediglich auf ein „Weiter so!“ hinausläuft, sind es bestimmt nicht die Brüder Aldi oder Friedel Merz, die Angst um ihr Überleben haben müssen! Die „große Politik“ spiegelt sich auch im Kleinen, im Alltag und im Betrieb wider: Wer ein Häusken mit großem Garten, einen Verwaltungsjob und ein gutes Einkommen hat, macht Home Office, fürchtet keine Ausgangssperre und lässt sich von bediensteten Paketboten alles Notwendige auf die Garageneinfahrt legen. Wer in einer engen Mietwohnung lebt, Handarbeit leisten muss und ein unsicheres Einkommen hat, muss zur Arbeit kommen, mit vielen in einer Halle zusammen oder in Kundenkontakt arbeiten und fühlt sich vielfach noch von den Kollegen und Vorgesetzten im Büro getriezt, weil die alles Risiko auf ihn abschieben. Oder er oder sie kann wochenlang mit den Kindern in der kleinen Wohnung zubringen.

Sozialer Kontakt ist notwendig!

Aus diesem Grund haben wir einige Gedanken formuliert.

Zum ersten die medizinischen Erkenntnisse – relativ verbreitet sind die virologischen, d.h. das Wissen über den unmittelbaren körperlichen Ablauf, den eine Infektion beim Einzelnen hervorruft. Wenig bekannt ist dagegen das epidemiologische (Nicht-)Wissen über die gesellschaftliche Ausbreitung, ihre Wege und Voraussetzungen.

Der Link zu unserem Text zu diesem Thema hier: hier!

Zum zweiten die fast noch wichtigere Diskussion um die gesellschaftlichen Entwicklungen, die durch das Virus nicht hervorgerufen worden sind, sondern nur eine enorme Beschleunigung erfahren haben. Das ist der Punkt, über den wir uns austauschen müssen!!

Link zu unserem Text zu diesem Thema: hier!

Wir würden uns freuen, wenn der eine oder die andere Interesse hätte, und sich bei uns melden würde, entweder über die Kommentarfunktion oder über die Emailadresse: laiens.club@gmx.de

Gute Nachbarschaft – gutes Leben?

Dienstag, 31.März 2020

19.30 Uhr, Friedrich-Naumannstr.7

Der Stadtteil und seine Nachbarschaft sind in vieler Munde; es gibt in einigen größeren Städten Initiativen gegen Zwangsräumungen, Proteste gegen Mieterhöhungen, „Recht auf Stadt“- Netzwerke unterschiedlichster sozialer Zusammenhänge, Wohnprojekte u.a.m. Das ist die eine Seite; die andere Seite sind z.B. mehr oder minder abgeschlossene neue „grüne“ und „alternative“ Stadtviertel.

Suchen auch wir so etwas wie „Nachbarschaft“? Wie könnte die aussehen, was könnte sie praktisch für uns bedeuten? Warum suchen wir Gemeinschaftlichkeit dort und nicht auch woanders, etwa auf der Arbeit? Oder können sich Stadtteil und Betrieb als Orte sozialen Lebens ergänzen?

Diese und weitere Fragen wollen wir im März und April verfolgen. Den Anfang macht am 31.März die Vorstellung und die Diskussion des „Tags des Guten Lebens“:

2003_LC_Gutes_Leben

„Krankheits-Prävention“ – Ein Begriff und seine Ideologie

Diskussionsveranstaltung

Dienstag, 25.Februar 2020 – 19.30 Uhr

Mieterpavillon:  Friedrich-Naumann-Str. 7

Wenn wir von Krankheits-Prävention hören, erzeugt das bei den meisten von uns positive Assoziationen. Was könnte auch besser und sinnvoller sein, als Krankheiten zu vermeiden? Und liegt es nicht auf der Hand, dass Nichtrauchen, Obst essen und Bewegung an der frischen Luft besser sind als Bier trinken, Chips futtern und auf dem Sofa abhängen? Es scheint so, aber …

Gesundheitsrisiken sind kein individuelles Problem

2002_Praevention_1Warum glauben wir, dass ein Apfel am Tag gesund hält, aber nicht, dass das Kohlekraftwerk vor der Haustür unsere Gesundheits-Bemühungen konterkariert? Warum sind wir im Krankheitsfall so eifrig darin, immer zuerst nach individueller Schuld zu suchen? Vielleicht, weil wir die Hoffnung haben, dass das, was individuell verschuldet worden ist, auch individuell wieder zu beheben ist? Gibt uns die Idee von Eigenverantwortung – zumindest gedanklich – unsere Autonomie wieder und ist sie deshalb so attraktiv?

Die mediale Präsentation von Risiken …

unterstützt und fördert die Einstellung, dass Gesundheit individuell herstellbar ist. Uns begegnen Aussagen wie „80 Prozent aller Krankheiten sind ernährungsbedingt“ oder wir lesen, dass durch eine gesündere Lebensweise, bis zu 90 % aller Diabeteserkrankungen, bis zu 80% aller Herzinfarkte und rund 50 % aller Schlaganfälle vermieden werden könnten. Abgesehen davon, dass diese Erkenntnisse wissenschaftlich nicht belegt sind, 2002_Praevention_2können wir selten oder nie lesen, dass die nicht-individuellen Einflüsse sich weitaus deutlicher bemerkbar machen. Die Lebenserwartung von Männern mit geringem Einkommen ist im Vergleich zu Männern der höchsten Einkommensgruppe neun Jahre kürzer. Bei den Frauen beträgt der Unterschied zwischen niedrigster und höchster sozialer Statusgruppe „nur“ vier Jahre. Auch die zu erwartenden gesunden Lebensjahre hängen mit dem sozialen Status zusammen: Arme Menschen leben nicht nur kürzer, sondern sind auch früher chronisch krank oder behindert.

Was macht eigentlich die (Gesundheits-)Politik?

In auffälligem Gegensatz zum lauten Präventionsgeschrei stehen die Veränderungen im Gesundheitssystem: Im Windschatten des Präventionshypes werden Arbeitnehmerbeiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung erhöht, während die Arbeitgeberbeiträge unangetastet bleiben, es werden Krankenhäuser und Kliniken geschlossen, die pflegerische Versorgung ist nicht mehr gewährleistet, Leistungen werden aus dem GKV-Katalog gestrichen und immer wieder werden Anläufe gemacht, um „gesundheitsriskantes Verhalten“ durch erhöhte Zuzahlungen abzustrafen.

Sollen unsere Präventionsbemühungen vielleicht dazu beitragen, die eigentlich notwendige Versorgung überflüssig zu machen – zumindest ideologisch, denn real wird dies nie gelingen.

Doch nicht nur im Gesundheitssystem, sondern auch an anderen gesellschaftlichen Orten, scheint Prävention und Gesundheit nicht ganz so groß geschrieben zu werden: Die Zahl der Autos zeigt keinerlei rückläufige Tendenz, am 1. Januar 2019 wurde mit 47 Mio zugelassenen PKW der höchste Bestand aller Zeiten dokumentiert – die durch den Autoverkehr entstehenden Luft- und Lärmemissionen stehen in engem Zusammenhang mit Herz-Kreislauferkrankungen sowie Diabetes (und wahrscheinlich weiteren Krankheiten), die Anzahl der Menschen, die Schicht-, Wochenend- und Nachtarbeit machen müssen, steigt beständig, obwohl nachgewiesen ist, dass unregelmäßige Arbeitszeiten anfällig für körperliche aber auch seelische Erkrankungen machen, Leiharbeit nimmt beständig zu – auch hier sind deutliche negative Effekte auf die Gesundheit nachgewiesen … die Liste ist schier unendlich.

Die Fokussierung des individuellen Risikoverhaltens führt letztendlich nicht nur zur bereits angesprochenen Entsolidarisierung, sondern sogar dazu, dass sich die sozialen Unterschiede im Gesundheitsstatus noch vergrößern: Von individuellen Maßnahmen, wie z.B. dem Verzicht des Rauchens, profitieren die höheren Einkommensschichten deutlich mehr, als die niedrigen. Das heißt: Gleiches Verhalten (Nichtrauchen) wirkt sich unterschiedlich auf die Lebenserwartung aus.

Was macht Prävention mit uns?

Wir wollen uns heute aus verschiedenen Blickrichtungen damit beschäftigen, welche Auswirkungen diese Fokussierung auf individuelle Risiken – die ja immerhin nur Krankheitswahrscheinlichkeiten darstellen – auf unser Denken und Handeln hat. Gräbt sich die hinter allem stehende Parole „Fit bleiben, bis der Bestatter kommt“ nicht auch in unser Denken und Handeln in ganz anderen Bereichen ein? Nehmen wir mit der Aufgabe, täglich 10.000 Schritte zu tun vielleicht gleichzeitig auch den neoliberalen Auftrag an, dass jeder seiner Gesundheit eigener Schmied ist, ohne dass uns dies bewusst wird? Und: Führt dies nicht zu einer Entsolidarisierung, weil wir vielleicht doch immer zuerst nach der individuellen Schuld suchen?

und wie könnte eine positivere Variante aussehen?

Was am Präventionsgedanken ist nützlich und sinnvoll? Prüfen wir ihn gemeinsam auf seine Eignung zur solidarischen Verbesserurng der Gesellschaft und unseres eigenen Lebens.

Phantasie – Lernen

Oskar Negt: „Soziologische Phantasie und Exemplarisches Lernen“ in der Arbeiterbildung

Dienstag, 28.Januar 2020

19.30 Uhr

Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

In der ersten Veranstaltung nach dem Jahrzehntwechsel knüpfen wir an frühere Veranstaltungen an, wie etwa an die über das Theater der Befreiung oder über Identitätspolitik.

Wir wollen uns damit beschäftigen, wie eine emanzipative Arbeiterbildung aussehen könnte.

Alles, was wir erleben, interpretieren wir; dabei greifen wir auf (in der Schule, in der Familie …) teils bewusst, teils unbewusst gelernte Erklärungsmuster zurück. Zudem diskutieren wir mit anderen über unsere Erlebnisse. Lernen ist also zum einen ein ständiger und zum anderen ein kollektiver Prozess. Allerdings verläuft Lernen selten gradlinig und noch seltener widerspruchsfrei. Und: Unsere Umwelt verändert sich ständig. Deswegen kann das, was wir in der Vergangenheit gelernt haben und stimmig war, heute schon überholt sein. Ein anderer Aspekt ist die oft fehlende Übereinstimmung von Denken/Erkenntnis/politischer Überzeugung und Handeln. Häufig handeln wird anders, als wir eigentlich wollen oder sollten und strampeln uns tiefer in den Morast, statt herauszukommen.
Die Frage ist: Wie können wir Lernprozesse so gestalten, dass wir unter Einbeziehung unserer Erfahrungen von gestern, Antworten auf die Fragen von heute finden können und wie können wir eine bewusste Haltung oder einen Standpunkt zu den Dingen, politischen Fragen, gesellschaftlichen Problemen entwickeln, die in Übereinstimmung mit unseren politischen Überzeugungen steht?

Die gesellschaftlichen Fragen, denen wir uns stellen müssen, tauchen vorrangig in Bezug auf die Arbeit auf: Arbeit ist im persönlichen Leben ein und im gesellschaftlichen Leben der zentrale Bereich. Gemeinsames Lernen, wie wir uns als Lohnabhängige auf der Arbeit verhalten oder verhalten sollten, steht im Zentrum aller Bemühungen um eine Umgestaltung der Welt.
Nun stehen dort Gewerkschaften für den Anspruch, die Interessen der Lohnabhängigen zu organisieren. Sie machen heute vor allem Rechtsschulung für Betriebsräte oder Organizing-Training. Damit bieten sie praktische Handreichungen, um sich den Unternehmern gegenüber besser behaupten zu können. Braucht es mehr?

Wir denken: „ja!“, denn, was über diese, auf den Arbeitsplatz eingegrenzte Betrachtung verloren geht, ist, dass die dort auftretenden Konflikte essenziell mit Konflikten in anderen gesellschaftlichen Bereichen verbunden sind: Der Lohn ist niedrig und die Miete (in Relation dazu) zu hoch, eine zu große Arbeitsbelastung lässt uns zuhause die Nerven verlieren,sodass wir Krach mit dem Partner / der Partnerin bekommen, wir wollen uns qualifizieren und die Mitbewerber auf dem Arbeitsmarkt ausstechen, beklagen jedoch gleichzeitig den Verlust von Kollegialität und vieles mehr.
Um den Zusammenhang zwischen all diesen Faktoren zu erkennen und diese Erkenntnis in Handlung zu übersetzen, müssen wir uns gemeinsam Gedanken machen: das heißt „(Arbeiter-)Bildung“.

Um einen Einstieg in dieses Thema zu bekommen, greifen wir auf Anregungen aus dem in den 70er Jahre viel diskutierten Buch „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie und Praxis der Arbeiterbildung“ des Soziologen Oskar Negt zurück. Es erschien 1968, basiert aber auf Texten, die Negt ab den frühen 1960er Jahren als Mitarbeiter in der Bildungsabteilung der IG Metall geschrieben hat.

2001_ExLernWas können wir davon mitnehmen, um etwa im Rahmen des Laien’s Clubs oder woanders besser, konstruktiver und unvoreingenommener miteinander diskutieren zu können? Also vor allem, ein offenes Gespräch zu ermöglichen und nicht, eine fertige Überzeugung zu verbreiten!

Eine Zusammenfassung einiger Kerngedanken von Negt gibt es hier: Negt_Einfuehrung

„Wir halten den Betrieb besetzt“

Buchvorstellung und Film: Betriebsbesetzung des Zementwerkes Seibel & Söhne im westfälischen Erwitte im Jahr 1975

Dienstag, 26.11.2019, 19.30 Uhr im Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

1911_buchcover
Wer quält uns auf der Arbeit?
– Die Chefs und die Hierarchie
– Der Markt, der uns zwingt, uns unseren Kollegen gegenüber als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt zu verhalten

Wäre es nicht schön, wenn wir unser Leben gemeinsam organisieren würden und zusammen zu beschließen, was wir brauchen und wie wir das herstellen?

Das ist sozusagen die geschichtliche „große Frage“ nach dem Sozialismus: Eine Gesellschaft, in der es kein Privateigentum gibt und die Menschen selbstbestimmt arbeiten. Dass wir noch nicht in solch einer Gesellschaft leben, hat weniger mit einem göttlich bestimmten oder vom Gen-Code diktierten „Wesen des Menschen“ zu tun, als vielmehr mit den großen Schwierigkeiten, die zu lösen sind:

– Wie stellen wir uns in einer Weltgesellschaft einen Entscheidungsprozess über das vor,     was gebraucht wird?
– Wie sollten globale Produktionsprozesse gemeinsam organisiert werden?

In kleinen Lebenseinheiten, in der Familie, einem Stadtviertel oder Dorf oder einem überschaubaren Betrieb ist es zwar schwer, sich zu einigen, Rücksicht zu nehmen, u.U. zugunsten anderer zurückzustecken, es ist aber vorstellbar. Jedoch im Großbetrieb, einer Stadt, einem Kontinent, der Welt?? Fragen der Kommunikation müssen gelöst werden. Die Arbeitsteilung, aus der sich Hierarchien entwickeln, muss in Frage gestellt werden. Verbindlichkeiten müssen eingegangen werden u.v.m.

In den bisherigen Revolutionsversuchen der letzten 150 Jahre standen sich oft zwei unterschiedliche Lösungsansätze gegenüber:

Zum einen sog. „syndikalistische“ Ansätze; die deutsche Bezeichnung „Syndikalismus“ kommt vom französischen Wort „syndicat“, das seit dem 19.Jahrhundert einen Zusammenschluss von Arbeitern und Arbeiterinnen sowohl auf lokaler, als auch auf betrieblicher Ebene meinte. Es geht also über die heutige Gewerkschaft hinaus. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es auch in Deutschland eine starke syndikalistische Massenbewegung vor allem im Ruhrgebiet und in Thüringen. Sie setzte sich für einen freiwilligen Zusammenschluss der Arbeiter ohne eine zentralistische Verwaltungsstruktur und für eine lokale und betriebliche Selbstverwaltung ein. In diesem Zusammenhang gab es einige Betriebsbesetzungen und Versuche, bspw. Bergwerke und Stahlproduktion selbstorganisiert weiterzuführen.
Demgegenüber haben sich historisch die Ansätze durchgesetzt, die auf eine staatliche Verwaltung, also die Planwirtschaft setzten. Das ist spätestens 1989 zusammengebrochen und heute regiert wieder der „freie Markt“…
Arbeiter und Arbeiterinnen setzen jedoch auch immer wieder auf einer „kleinen Ebene“ das Mittel der Betriebsbesetzung ein. Oft war und ist es ein Weg des Überlebens in Krisenzeiten, wenn sich die Besitzer vorübergehend aus dem Staub gemacht haben, um sich nicht weiter um „ihre“ ArbeiterInnen kümmern zu müssen und fälligen Schulden zu entgehen. ArbeiterInnen übernehmen den Betrieb und führen ihn in eigener Regie weiter.

So bspw. seit 2012 bei der griechischen Kooperative Vio.me in Thessaloniki (Link zur deutschen Webseite) oder die seinerzeit zu Unilever gehörende Teeverpackungsfabrik Fralip in Gemenos bei Marseille (Link zur Artikelsammlung bei Labournet). Beide wurden nach harten Arbeitskämpfen von den ArbeiterInnen übernommen.
In anderen Situationen setzen Arbeiter und Arbeiterinnen die Besetzung ein, um den juristischen Eigentümer zu „erpressen“. Damit sind wir endlich bei der Besetzung des Zementwerkes Seibel & Söhne und im Jahr 1975!!

Näheres in einem Artikel der Zeitschrift „Graswurzelrevolution“ Nr. 396:
„Provinzielle Arbeiter gegen Parvenue-Kapitalist!1909_Erwitte
Vor 40 Jahren fand in Erwitte der längste Firmenstreik in der Geschichte der BRD statt (…)“ (hier der Link zum Artikel)

Wir wollen das Buch von Dieter Braeg inkl. einiger Filmdokumente vorstellen und anhand dieses und anderer Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit diskutieren, was wir in der oben angebeuteten „großen“ oder auch der „kleinen“ Perspektive von Betriebsbesetzungen halten!

1911_viomiArtikel über vergangene oder laufende Betriebsbesetzungen (zu ergänzen!)
Lip oder die Macht der Fantasie. Ein Lehrbeispiel für Kommunikation und Demokratie

(hier der Link zum Artikel)