Gute Nachbarschaft – gutes Leben?

Dienstag, 31.März 2020

19.30 Uhr, Friedrich-Naumannstr.7

Der Stadtteil und seine Nachbarschaft sind in vieler Munde; es gibt in einigen größeren Städten Initiativen gegen Zwangsräumungen, Proteste gegen Mieterhöhungen, „Recht auf Stadt“- Netzwerke unterschiedlichster sozialer Zusammenhänge, Wohnprojekte u.a.m. Das ist die eine Seite; die andere Seite sind z.B. mehr oder minder abgeschlossene neue „grüne“ und „alternative“ Stadtviertel.

Suchen auch wir so etwas wie „Nachbarschaft“? Wie könnte die aussehen, was könnte sie praktisch für uns bedeuten? Warum suchen wir Gemeinschaftlichkeit dort und nicht auch woanders, etwa auf der Arbeit? Oder können sich Stadtteil und Betrieb als Orte sozialen Lebens ergänzen?

Diese und weitere Fragen wollen wir im März und April verfolgen. Den Anfang macht am 31.März die Vorstellung und die Diskussion des „Tags des Guten Lebens“:

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„Krankheits-Prävention“ – Ein Begriff und seine Ideologie

Diskussionsveranstaltung

Dienstag, 25.Februar 2020 – 19.30 Uhr

Mieterpavillon:  Friedrich-Naumann-Str. 7

Wenn wir von Krankheits-Prävention hören, erzeugt das bei den meisten von uns positive Assoziationen. Was könnte auch besser und sinnvoller sein, als Krankheiten zu vermeiden? Und liegt es nicht auf der Hand, dass Nichtrauchen, Obst essen und Bewegung an der frischen Luft besser sind als Bier trinken, Chips futtern und auf dem Sofa abhängen? Es scheint so, aber …

Gesundheitsrisiken sind kein individuelles Problem

2002_Praevention_1Warum glauben wir, dass ein Apfel am Tag gesund hält, aber nicht, dass das Kohlekraftwerk vor der Haustür unsere Gesundheits-Bemühungen konterkariert? Warum sind wir im Krankheitsfall so eifrig darin, immer zuerst nach individueller Schuld zu suchen? Vielleicht, weil wir die Hoffnung haben, dass das, was individuell verschuldet worden ist, auch individuell wieder zu beheben ist? Gibt uns die Idee von Eigenverantwortung – zumindest gedanklich – unsere Autonomie wieder und ist sie deshalb so attraktiv?

Die mediale Präsentation von Risiken …

unterstützt und fördert die Einstellung, dass Gesundheit individuell herstellbar ist. Uns begegnen Aussagen wie „80 Prozent aller Krankheiten sind ernährungsbedingt“ oder wir lesen, dass durch eine gesündere Lebensweise, bis zu 90 % aller Diabeteserkrankungen, bis zu 80% aller Herzinfarkte und rund 50 % aller Schlaganfälle vermieden werden könnten. Abgesehen davon, dass diese Erkenntnisse wissenschaftlich nicht belegt sind, 2002_Praevention_2können wir selten oder nie lesen, dass die nicht-individuellen Einflüsse sich weitaus deutlicher bemerkbar machen. Die Lebenserwartung von Männern mit geringem Einkommen ist im Vergleich zu Männern der höchsten Einkommensgruppe neun Jahre kürzer. Bei den Frauen beträgt der Unterschied zwischen niedrigster und höchster sozialer Statusgruppe „nur“ vier Jahre. Auch die zu erwartenden gesunden Lebensjahre hängen mit dem sozialen Status zusammen: Arme Menschen leben nicht nur kürzer, sondern sind auch früher chronisch krank oder behindert.

Was macht eigentlich die (Gesundheits-)Politik?

In auffälligem Gegensatz zum lauten Präventionsgeschrei stehen die Veränderungen im Gesundheitssystem: Im Windschatten des Präventionshypes werden Arbeitnehmerbeiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung erhöht, während die Arbeitgeberbeiträge unangetastet bleiben, es werden Krankenhäuser und Kliniken geschlossen, die pflegerische Versorgung ist nicht mehr gewährleistet, Leistungen werden aus dem GKV-Katalog gestrichen und immer wieder werden Anläufe gemacht, um „gesundheitsriskantes Verhalten“ durch erhöhte Zuzahlungen abzustrafen.

Sollen unsere Präventionsbemühungen vielleicht dazu beitragen, die eigentlich notwendige Versorgung überflüssig zu machen – zumindest ideologisch, denn real wird dies nie gelingen.

Doch nicht nur im Gesundheitssystem, sondern auch an anderen gesellschaftlichen Orten, scheint Prävention und Gesundheit nicht ganz so groß geschrieben zu werden: Die Zahl der Autos zeigt keinerlei rückläufige Tendenz, am 1. Januar 2019 wurde mit 47 Mio zugelassenen PKW der höchste Bestand aller Zeiten dokumentiert – die durch den Autoverkehr entstehenden Luft- und Lärmemissionen stehen in engem Zusammenhang mit Herz-Kreislauferkrankungen sowie Diabetes (und wahrscheinlich weiteren Krankheiten), die Anzahl der Menschen, die Schicht-, Wochenend- und Nachtarbeit machen müssen, steigt beständig, obwohl nachgewiesen ist, dass unregelmäßige Arbeitszeiten anfällig für körperliche aber auch seelische Erkrankungen machen, Leiharbeit nimmt beständig zu – auch hier sind deutliche negative Effekte auf die Gesundheit nachgewiesen … die Liste ist schier unendlich.

Die Fokussierung des individuellen Risikoverhaltens führt letztendlich nicht nur zur bereits angesprochenen Entsolidarisierung, sondern sogar dazu, dass sich die sozialen Unterschiede im Gesundheitsstatus noch vergrößern: Von individuellen Maßnahmen, wie z.B. dem Verzicht des Rauchens, profitieren die höheren Einkommensschichten deutlich mehr, als die niedrigen. Das heißt: Gleiches Verhalten (Nichtrauchen) wirkt sich unterschiedlich auf die Lebenserwartung aus.

Was macht Prävention mit uns?

Wir wollen uns heute aus verschiedenen Blickrichtungen damit beschäftigen, welche Auswirkungen diese Fokussierung auf individuelle Risiken – die ja immerhin nur Krankheitswahrscheinlichkeiten darstellen – auf unser Denken und Handeln hat. Gräbt sich die hinter allem stehende Parole „Fit bleiben, bis der Bestatter kommt“ nicht auch in unser Denken und Handeln in ganz anderen Bereichen ein? Nehmen wir mit der Aufgabe, täglich 10.000 Schritte zu tun vielleicht gleichzeitig auch den neoliberalen Auftrag an, dass jeder seiner Gesundheit eigener Schmied ist, ohne dass uns dies bewusst wird? Und: Führt dies nicht zu einer Entsolidarisierung, weil wir vielleicht doch immer zuerst nach der individuellen Schuld suchen?

und wie könnte eine positivere Variante aussehen?

Was am Präventionsgedanken ist nützlich und sinnvoll? Prüfen wir ihn gemeinsam auf seine Eignung zur solidarischen Verbesserurng der Gesellschaft und unseres eigenen Lebens.

Phantasie – Lernen

Oskar Negt: „Soziologische Phantasie und Exemplarisches Lernen“ in der Arbeiterbildung

Dienstag, 28.Januar 2020

19.30 Uhr

Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

In der ersten Veranstaltung nach dem Jahrzehntwechsel knüpfen wir an frühere Veranstaltungen an, wie etwa an die über das Theater der Befreiung oder über Identitätspolitik.

Wir wollen uns damit beschäftigen, wie eine emanzipative Arbeiterbildung aussehen könnte.

Alles, was wir erleben, interpretieren wir; dabei greifen wir auf (in der Schule, in der Familie …) teils bewusst, teils unbewusst gelernte Erklärungsmuster zurück. Zudem diskutieren wir mit anderen über unsere Erlebnisse. Lernen ist also zum einen ein ständiger und zum anderen ein kollektiver Prozess. Allerdings verläuft Lernen selten gradlinig und noch seltener widerspruchsfrei. Und: Unsere Umwelt verändert sich ständig. Deswegen kann das, was wir in der Vergangenheit gelernt haben und stimmig war, heute schon überholt sein. Ein anderer Aspekt ist die oft fehlende Übereinstimmung von Denken/Erkenntnis/politischer Überzeugung und Handeln. Häufig handeln wird anders, als wir eigentlich wollen oder sollten und strampeln uns tiefer in den Morast, statt herauszukommen.
Die Frage ist: Wie können wir Lernprozesse so gestalten, dass wir unter Einbeziehung unserer Erfahrungen von gestern, Antworten auf die Fragen von heute finden können und wie können wir eine bewusste Haltung oder einen Standpunkt zu den Dingen, politischen Fragen, gesellschaftlichen Problemen entwickeln, die in Übereinstimmung mit unseren politischen Überzeugungen steht?

Die gesellschaftlichen Fragen, denen wir uns stellen müssen, tauchen vorrangig in Bezug auf die Arbeit auf: Arbeit ist im persönlichen Leben ein und im gesellschaftlichen Leben der zentrale Bereich. Gemeinsames Lernen, wie wir uns als Lohnabhängige auf der Arbeit verhalten oder verhalten sollten, steht im Zentrum aller Bemühungen um eine Umgestaltung der Welt.
Nun stehen dort Gewerkschaften für den Anspruch, die Interessen der Lohnabhängigen zu organisieren. Sie machen heute vor allem Rechtsschulung für Betriebsräte oder Organizing-Training. Damit bieten sie praktische Handreichungen, um sich den Unternehmern gegenüber besser behaupten zu können. Braucht es mehr?

Wir denken: „ja!“, denn, was über diese, auf den Arbeitsplatz eingegrenzte Betrachtung verloren geht, ist, dass die dort auftretenden Konflikte essenziell mit Konflikten in anderen gesellschaftlichen Bereichen verbunden sind: Der Lohn ist niedrig und die Miete (in Relation dazu) zu hoch, eine zu große Arbeitsbelastung lässt uns zuhause die Nerven verlieren,sodass wir Krach mit dem Partner / der Partnerin bekommen, wir wollen uns qualifizieren und die Mitbewerber auf dem Arbeitsmarkt ausstechen, beklagen jedoch gleichzeitig den Verlust von Kollegialität und vieles mehr.
Um den Zusammenhang zwischen all diesen Faktoren zu erkennen und diese Erkenntnis in Handlung zu übersetzen, müssen wir uns gemeinsam Gedanken machen: das heißt „(Arbeiter-)Bildung“.

Um einen Einstieg in dieses Thema zu bekommen, greifen wir auf Anregungen aus dem in den 70er Jahre viel diskutierten Buch „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie und Praxis der Arbeiterbildung“ des Soziologen Oskar Negt zurück. Es erschien 1968, basiert aber auf Texten, die Negt ab den frühen 1960er Jahren als Mitarbeiter in der Bildungsabteilung der IG Metall geschrieben hat.

2001_ExLernWas können wir davon mitnehmen, um etwa im Rahmen des Laien’s Clubs oder woanders besser, konstruktiver und unvoreingenommener miteinander diskutieren zu können? Also vor allem, ein offenes Gespräch zu ermöglichen und nicht, eine fertige Überzeugung zu verbreiten!

Eine Zusammenfassung einiger Kerngedanken von Negt gibt es hier: Negt_Einfuehrung

„Wir halten den Betrieb besetzt“

Buchvorstellung und Film: Betriebsbesetzung des Zementwerkes Seibel & Söhne im westfälischen Erwitte im Jahr 1975

Dienstag, 26.11.2019, 19.30 Uhr im Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

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Wer quält uns auf der Arbeit?
– Die Chefs und die Hierarchie
– Der Markt, der uns zwingt, uns unseren Kollegen gegenüber als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt zu verhalten

Wäre es nicht schön, wenn wir unser Leben gemeinsam organisieren würden und zusammen zu beschließen, was wir brauchen und wie wir das herstellen?

Das ist sozusagen die geschichtliche „große Frage“ nach dem Sozialismus: Eine Gesellschaft, in der es kein Privateigentum gibt und die Menschen selbstbestimmt arbeiten. Dass wir noch nicht in solch einer Gesellschaft leben, hat weniger mit einem göttlich bestimmten oder vom Gen-Code diktierten „Wesen des Menschen“ zu tun, als vielmehr mit den großen Schwierigkeiten, die zu lösen sind:

– Wie stellen wir uns in einer Weltgesellschaft einen Entscheidungsprozess über das vor,     was gebraucht wird?
– Wie sollten globale Produktionsprozesse gemeinsam organisiert werden?

In kleinen Lebenseinheiten, in der Familie, einem Stadtviertel oder Dorf oder einem überschaubaren Betrieb ist es zwar schwer, sich zu einigen, Rücksicht zu nehmen, u.U. zugunsten anderer zurückzustecken, es ist aber vorstellbar. Jedoch im Großbetrieb, einer Stadt, einem Kontinent, der Welt?? Fragen der Kommunikation müssen gelöst werden. Die Arbeitsteilung, aus der sich Hierarchien entwickeln, muss in Frage gestellt werden. Verbindlichkeiten müssen eingegangen werden u.v.m.

In den bisherigen Revolutionsversuchen der letzten 150 Jahre standen sich oft zwei unterschiedliche Lösungsansätze gegenüber:

Zum einen sog. „syndikalistische“ Ansätze; die deutsche Bezeichnung „Syndikalismus“ kommt vom französischen Wort „syndicat“, das seit dem 19.Jahrhundert einen Zusammenschluss von Arbeitern und Arbeiterinnen sowohl auf lokaler, als auch auf betrieblicher Ebene meinte. Es geht also über die heutige Gewerkschaft hinaus. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es auch in Deutschland eine starke syndikalistische Massenbewegung vor allem im Ruhrgebiet und in Thüringen. Sie setzte sich für einen freiwilligen Zusammenschluss der Arbeiter ohne eine zentralistische Verwaltungsstruktur und für eine lokale und betriebliche Selbstverwaltung ein. In diesem Zusammenhang gab es einige Betriebsbesetzungen und Versuche, bspw. Bergwerke und Stahlproduktion selbstorganisiert weiterzuführen.
Demgegenüber haben sich historisch die Ansätze durchgesetzt, die auf eine staatliche Verwaltung, also die Planwirtschaft setzten. Das ist spätestens 1989 zusammengebrochen und heute regiert wieder der „freie Markt“…
Arbeiter und Arbeiterinnen setzen jedoch auch immer wieder auf einer „kleinen Ebene“ das Mittel der Betriebsbesetzung ein. Oft war und ist es ein Weg des Überlebens in Krisenzeiten, wenn sich die Besitzer vorübergehend aus dem Staub gemacht haben, um sich nicht weiter um „ihre“ ArbeiterInnen kümmern zu müssen und fälligen Schulden zu entgehen. ArbeiterInnen übernehmen den Betrieb und führen ihn in eigener Regie weiter.

So bspw. seit 2012 bei der griechischen Kooperative Vio.me in Thessaloniki (Link zur deutschen Webseite) oder die seinerzeit zu Unilever gehörende Teeverpackungsfabrik Fralip in Gemenos bei Marseille (Link zur Artikelsammlung bei Labournet). Beide wurden nach harten Arbeitskämpfen von den ArbeiterInnen übernommen.
In anderen Situationen setzen Arbeiter und Arbeiterinnen die Besetzung ein, um den juristischen Eigentümer zu „erpressen“. Damit sind wir endlich bei der Besetzung des Zementwerkes Seibel & Söhne und im Jahr 1975!!

Näheres in einem Artikel der Zeitschrift „Graswurzelrevolution“ Nr. 396:
„Provinzielle Arbeiter gegen Parvenue-Kapitalist!1909_Erwitte
Vor 40 Jahren fand in Erwitte der längste Firmenstreik in der Geschichte der BRD statt (…)“ (hier der Link zum Artikel)

Wir wollen das Buch von Dieter Braeg inkl. einiger Filmdokumente vorstellen und anhand dieses und anderer Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit diskutieren, was wir in der oben angebeuteten „großen“ oder auch der „kleinen“ Perspektive von Betriebsbesetzungen halten!

1911_viomiArtikel über vergangene oder laufende Betriebsbesetzungen (zu ergänzen!)
Lip oder die Macht der Fantasie. Ein Lehrbeispiel für Kommunikation und Demokratie

(hier der Link zum Artikel)