„Ethnizität ohne Gruppen“

Eine Diskussion auf Grundlage des gleichnamigen Buches von R. Brubaker

Dienstag, 25. September 2018, 19:30 Uhr im Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str. 7

Von „Rassen“ spricht heute kaum noch jemand, dafür hat sich jedoch der Begriff der „Kultur“ (oder eben: Ethnizität) durchgesetzt, um Gruppen von Menschen bestimmte, sozusagen natürliche Eigenschaften zuzuschreiben. Der Gesellschaft drohen Konflikte anhand solcher vermeintlich tiefsitzender Unterschiede. In Europa wurde so in den 90er Jahren der Bürgerkrieg in Jugoslawien erklärt. Aber auch aktuell spaltet die Besinnung auf (vorgebliche) ethnische Wurzeln selbst alte Nationalstaaten wie Spanien. Sogar unter Linken wird der „kurdische“ Unabhängigkeitskampf als Kampf einer ethnischen Gruppe verstanden. Auf diese Weise entstehen plötzlich vermeintlich homogene Gruppen, die ihre spezifischen Gruppenbedürfnisse in den Vordergrund rücken und erfüllt sehen wollen. Brubaker stellt mit seinem Buch die Frage, ob wir es nicht vielmehr mit einer Ethnisierung von Konflikten zu tun haben und nicht, wie ständig postuliert wird, mit ethnischen Konflikten. Dies wollen wir gemeinsam diskutieren.

…unsere Fragen:
In den letzten Jahren hat eine Politik, die auf Identitäten beruht, wieder großen Zulauf bekommen. Religion und „Ethnizität“, d.h. auf vermeintlichen kulturellen Traditionen beruhende Eigenschaften, begründen Zuschreibungen und Selbstzuschreibungen von gesellschaftlichen Gruppen. „Islamisten“, „Deutsch-Türken“, „Deutsch-Russen“, „Ostdeutsche“ u.a.m. seien als Stichworte der Diskurse in Deutschland genannt.
Das soziale Milieu dagegen bildet nur noch für die bürgerliche Oberschicht einen positiven Legitimationshintergrund. Diese versteht sich als aufgeklärt, weltoffen, feministisch und tolerant. Von oben definiert es den „Pöbel“ als sein negatives Gegenbild: Berufs-Hartzer, borniert, bildungsfern, nationalistisch, dumpf, nicht leistungsbereit usw.
Eine positive Gruppenidentität als Arbeiter, soziale Unterschicht o.ä. gibt es nicht mehr oder zumindest kaum noch. Situativ und im Alltag gibt es sie vielleicht schon, aber die Bruchstücke genügen heute nicht mehr zur politischen Mobilisierung. Zumindest bis zum Ersten Weltkrieg hatte die „Arbeiterklasse“ auch eine kulturelle Identität. Die mag sich z.T. in Organisationen und Verbänden manifestiert haben, aber auch in gemeinsamen Normen und Werten, wie man sich untereinander und gegenüber Angehörigen anderer Klassen verhält.
Ist dieses Verschwinden einer proletarischen Kultur und Identität ein Verlust? Wer die grotesken Maskeraden von (studentischen) K-Gruppen in den 70er Jahren vor Augen hat, wird „nein!“ sagen. Aber funktioniert eine politische Mobilisierung ohne zumindest „Identifikation“, wie Brubaker sagen würde (siehe später)?
Das berührt die Frage nach dem „Klassenbewusstsein“, wozu wir ergänzend zu dieser Veranstaltung in den folgenden Wochen dienstags gemeinsame Lese-Abende von relevanten Texten anbieten wollen.
Doch zurück zu Brubaker und der „Ethnisierung“:
Heute sind wir mit einer liberalen Mittel- und Oberschicht konfrontiert, die sich selber als Vertreterin der Aufklärung und des Liberalismus sieht. Doch auch ihr linker Flügel übersieht: Alleiniger Maßstab ist ihr eigener Lebensstil und das individuelle „Recht“ darauf. Sie fragt nicht nach einer materiellen Begründung bspw. für Familienstrukturen, sondern führt sie auf vermeintlich archaische Traditionen zurück und / oder eine bewusste Entscheidung für einen illiberalen Lebensstil zurück.
Genauso wenig macht sie sich Gedanken darüber, worauf die eigenen Familienstrukturen gründen; eine nicht unwichtige Rolle für individuelle Unabhängigkeit spielen die hohen Einkommen von Akademikern. Für das Multikulti-Weltbild ist der globale Arbeitsmarkt, auf dem sie sich bewegen, die Grundlage. Um zu einem weiteren Widerspruch überzuleiten: Der Arbeitsmarkt der gesellschaftlichen Funktionsträger ist ja schon ein spezieller; es sind die kleinen und großen Manager der Unternehmer und politischen Institutionen usw. die sich zunehmend jenseits des Nationalstaates organisieren, und das zentralisiert und autoritär.
Es erscheint paradox: Ein gewichtiger Teil der neoliberalen, autoritär agierenden „Funktionseliten“ (oder -Mittelschichten…) denkt sich heute eine liberale, der Aufklärung verpflichtete Identität zusammen…
Das Dumme ist, dass sich als Gegenbewegung gegen den Autoritarismus in ganz Europa vor allem identitäre Bewegungen artikuliert. Sie treten nicht immer als offen „rechts“ auf (oder werden von außen nicht als solche wahrgenommen), etwa der katalanische Regionalismus oder der kurdische Nationalismus. Es gibt teilweise eine Verschmelzung ideologischer Versatzstücke von rechter und linker Ideologie. In der Ukraine gibt es bspw. ein tragendes Milieu, das sich sowohl auf anarchistische bäuerliche Traditionen wie auch faschistische Unabhängigkeitsbewegungen gleichermaßen stützt. In der Ostukraine wiederum gibt es Leute, die sich in der Tradition der „freien Kosaken“ sehen und gleichzeitig mit Symbolen des imperialen Russland oder einer „starken Sowjetunion“ hantieren.
Auf Deutschland bezogen ist es ein Problem, dass sich Wut über die Dekadenz der herrschenden Klasse vor allem als Angriff gegen deren kulturelle Identität äußert. Ein weiteres Problem ist, dass die Wut gegen „die da oben“ mit dem Versuch gepaart ist, sich im gesellschaftlichen Wettbewerb untereinander als Gruppen neu zu positionieren; so werden aus Menschen, deren Großeltern als ArbeiterInnen nach Deutschland eingewandert sind, wieder „Türken“ oder „Russen“. Die Menschen tun das nicht aus ihrem Alltag heraus, sie tun das unter „Anleitung“ von oben – aber viele tun das!
Man kann das Problem aus zwei Perspektiven betrachten, also zum einen die Frage stellen, „wie“ die Identitätsbildung funktioniert, wer sie vorantreibt und wer die „ethnischen politischen Unternehmer“ sind. Und zum anderen die Frage nach den materiellen Interessen stellen.
Wir wollen diesen Fragen auf den Grund gehen und haben uns für den Anfang für die Vorstellung von und Diskussion über Roger Brubaker entschieden, weil wir uns von ihm als einem Vertreter des Sozialkonstruktivismus gedankliche Hinweise verhoffen, wie die Ethnisierung zu verstehen ist: Wie funktioniert der Prozess der Gruppenbildung? Welche Interessen stehen dahinter? …

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