Die Entgleisung. Ein Roman von Inge von Wangenheim

Literaturlesung in Zusammenarbeit mit Contrazt e.V.

Freitag, 26.Oktoberber 2018, 19.30 Uhr   —   WangenheimMehrWertKultur, Nobleestr. 13a

Das thüringische Dorf Groß-Naschhausen ist zwar verschlafen, spürt aber den Puls der Zeit. Es liegt nämlich mitten zwischen Rom und Stockholm. Auf dieser Interzonenstrecke rattern regelmäßig auch Güterzüge über die Gleise. Durch eine winzige Unaufmerksamkeit entgleist eines Nachts der letzte Waggon eines Güterzuges. Der Inhalt purzelt den Bahndamm herunter und wird am nächsten Morgen von den ersten Schulkindern verwundert zur Kenntnis genommen. Es handelt sich um pikante Erzeugnisse der „VEB Graphische Werkstätten“ für den Export nach Schweden. Kinder, Ehemänner und ihre Frauen, die Staatsmacht, die lokale Schule, seriöse Bürger, und nicht zuletzt die Partei bekommen damit zu tun. Nicht zu fassen ist weniger, was gezeigt wird, sondern, dass diese Bilder in der sozialistischen DDR produziert worden sein sollen! Aufrufe zur Wiederbeschaffung des »Verlustgutes« bleiben ebenso folgenlos wie eine Einwohnerversammlung.
Zu Inge von Wangenheim schrieb das „Neue Deutschland“ zu ihrem 100. Geburtstag im Jahre 2012:
„Inge von Wangenheim war eine strenge Frau, die ihre zweite Lebenshälfte in einem lieblichen Landstrich verlebte. Thüringen. Geboren als Ingeborg Franke in Berlin am 1. Juli 1912, wohnte sie in Rudolstadt, von 1974 an in Weimar. In ihren 81 Lebensjahren – sie starb im April 1993 – war sie Tochter einer Konfektionsarbeiterin, Bühnenelevin, Schauspielerin, Aktrice in einer proletarischen Theatertruppe. Sie erwarb durch Heirat mit Gustav von Wangenheim einen Adelstitel, wurde 1931 KPD-Mitglied, emigrierte 1933 in die Sowjetunion, kam 1945 nach Ostdeutschland zurück und begann ihre literarische Karriere 1950 mit dem Erinnerungsbuch »Mein Haus Vaterland«, in dessen Mittelpunkt: das sowjetische Exil.
Inge von Wangenheim kannte sich aus auf den Brettern, die die Welt bedeuten und auf der Bühne der Zeitgeschichte. Sie und ihr Mann waren 1936 in das düstere Schauspiel der stalinschen »Säuberungen«, hineingezogen worden. Über Gustav von Wangenheim legte sich später der Schatten, er habe an der Verhaftung der Schauspielerin Carola Neher mitgewirkt. Er wäre beinahe selber in dem Strudel versunken. Er kam mit einem Persönlichkeitsbruch davon.
(…)
Vielleicht war das die Wurzel der Strenge, die man dieser Frau anspürte. Deutlich und direkt suchte sie in den ersten Romanen ihrer DDR den Rücken zu stärken. Den »17. Juni« schilderte sie in »Am Morgen ist der Tag ein Kind« (1957) entsprechend der Parteilinie oder führte ihren bürgerlichen »Professor Hudebraach« (1961) zum Entscheid für die DDR. Diese Didaktik stellte sie in Essays seit Mitte der 1960er zunehmend in Frage. Schönstes, erfolgreichstes Produkt dieses Umbaus wurde 1980 der Roman »Die Entgleisung«.
Mit leichter Hand hatte die herbe Autorin eine turbulente Gesellschaftssatire geschrieben, zu der einem einige klassische Vergleiche einfallen, die Wangenheim so gern in ihren Essays bemühte. (…)
Inge von Wangenheim schreibt eine bestrickende Persiflage auf den »Kampf um die sozialistische Lebensweise«, und eine Galerie des persönlichen und gesellschaftlichen Selbstbetruges steht ihr zur Seite. Die Werkleitung der Druckerei etwa verfügt von vornherein über ein besonderes Kontingent für ausländische Besucher als Beispiel der Leistungsfähigkeit der polygraphischen Industrie. In der DDR herrschte kein Mangel an windigen Begründungen, das Ganze funktionierte nicht zuletzt dadurch, wie auf allen Ebenen getrickst wurde. Als eine westdeutsche Zeitung behauptete, der Roman bestätige die Herstellung von Pornographie in der DDR, beruhigte die Druckgenehmigungsbehörde, in diesem Artikel würden Anliegen und Inhalt des Romans bewusst verfälscht.
Heute fragt man sich, wie eine solche Satire in der DDR überhaupt erscheinen konnte. Aber sie erschien. Das DDR-Verlagswesen war eben in vielem durchlässiger, als man es sich heute vorstellen mag oder kann. Inge von Wangenheim hat über ein staunenswertes DDR-Druckerzeugnis geschrieben, ihr Buch war selber eins.“
https://www.neues-deutschland.de/artikel/231287.skandal-in-gross-naschhausen.html

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