Eine „dieselgetriebene Hippie-Kommune“? Ein Blick auf Proteste in Kanada und ein Aufruf zum Selberdenken

Die mediale Berichterstattung über die weltweiten Proteste gegen die staatlichen Corona- Maßnahmen und die Impfpflicht gleicht sich: Überall seien Hakenkreuzfahnen, im besten Fall esoterische Entrückte zu sehen, dazwischen rücksichtslose Maskenverweigerer. Ob in Deutschland oder jüngst bei den eskalierenden Protesten in Kanada, die von Truckern initiiert worden sind.

Das ist das Bild, das die politisch Verantwortlichen und die offiziellen Medien zeichnen. Sekundiert werden sie leider von liberalen „Linken“. Worum es inhaltlich geht, ist nicht einfach nachzuvollziehen:

Eine rechte Opposition gegen die staatliche Coronapolitik könnte aus neoliberalen Geschäftsleuten bestehen, die Trump nacheifern und einfach nichts zur Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen beitragen wollen.

„Rechte“ könnten aber auch NPD- Anhänger sein, die einen starken (Sozial-)Staat erhalten wollen – aber nur für Deutsche. Ihre Opposition gegen die Corona-Politik speist sich aus der Erkenntnis, dass die konkreten Maßnahmen medizinisch sinnlos seien und nur das Profitinteresse einer „globalistischen“ „Pharma- und Digitalindustrie“ bedienten.

Der linke Protest, schaut man sich die „etablierte Linke“ wie Linkspartei, Gewerkschaften, NGOs usw. an, richtet sich – und das ist ein Novum linker Politik – interessanterweise NICHT gegen den Staat und seine autoritären Maßnahmen, sondern gegen die Menschen, die sich aktuell gegen diese Maßnahmen wehren und sie vehement kritisieren. Einige aus diesem linken Spektrum denken, dass in Wirklichkeit der Staat von den Arbeitern und Armen durch Streiks etc. zum „Gesundheitsschutz der Bevölkerung“ gezwungen worden sei. Sie sagen, die Pandemiemaßnahmen hätten auch die Unternehmen getroffen und es seien Steuergelder an die Bevölkerung ausgeschüttet worden. Wer gegen die Maßnahmen protestiere, trete letztlich für die Interessen der Konzerne ein.

Andere aus diesem Spektrum können aber auch Leute sein, die begrüßen, dass endlich wieder ein starker Staat die Herrschaft über die Unternehmen / das Kapital übernimmt. Diese nehmen sich eine Art chinesisches Modell zum Vorbild.

Wir stellen uns zwei Fragen: Erstens: Welches könnten „rechte“ Anknüpfungspunkte an die Protestbewegung sein? Es reicht schließlich nicht, einzelne rechte Personen zu identifizieren, um die politische Anschlussfähigkeit einer ganzen Bewegung zu beurteilen.

Zweitens fragen wir uns aber auch: Welches sind die Anknüpfungspunkte, die zu einem Schulterschluss „linker“ Kräfte mit einer rot-grün-gelben Regierung führen, die für Krieg nach außen, Repression nach innen und neoliberale Wirtschaftspolitik mit weiteren Privatisierungen und all dem steht?

Wahrscheinlich muss man in Augenschein nehmen, dass zumindest der deutsche Staat neben der repressiven Politik (Ausschluss von Ungeimpften aus dem öffentlichen und sozialen Leben) auch sozialstaatliche Maßnahmen ergriffen hat, wie etwa ein erleichterter Zugang zu Hartz IV, Hilfen für Selbstständige, Lohnersatzleistungen bei Quarantäne, Kurzarbeitergeld usw. Allerdings nur teilweise und zunehmend nur für die, die sich dem geforderten Gehorsam unterwerfen, d.h. sich impfen lassen, bzw. als Betrieb die geforderten Zugangsregeln umsetzen.

Die Aussetzung „aller“ staatlichen Maßnahmen würde also auch das Ende dieser sozialstaatlichen Leistungen bedeuten. Da der Staat die schon vor Corona schwelende Wirtschaftskrise zu einer „Corona-Krise“ umgedeutet und damit die Krise mit der Krankheit verknüpft hat, fürchten möglicherweise viele Leute, dass sich bei einer Beendigung des Notstandes ein sozialer Abgrund auftun würde.

Die reale Bewegung auf der Straße ist regional sehr unterschiedlich und sehr heterogen. Die Motivation der Einzelnen ist sehr unterschiedlich und mittlerweile sehr von dem Unmut über die sozialen Verwerfungen der letzten Jahre und einer Ahnung der noch bevorstehenden geprägt. Es ist wichtig, sie sich zumindest anzuschauen – Vorverurteilungen dienen nur dem Interesse des Staates und der Unternehmen, die hier deutlich werdenden sozialen Interessen in Misskredit zu bringen.

Neugierde, Offenheit und ggf. eigenes Engagement ist wichtig; in diesem Zusammenhang möchten wir unser Erschrecken darüber ausdrücken, wie manche „linke“ Institutionen und Organisationen zum Teil langjährig engagierte Mitglieder in der Öffentlichkeit zu diskreditieren versuchen.

In Hamburg betrifft das aktuell bspw. die globalisierungskritische Organisation ATTAC.

Der Vorstand verurteilt öffentlich, dass Mitglieder ihrer „AG Gesundheit“ auf der Kundgebung unter dem Motto „Friedlich zusammen – für ein Ende aller Corona-Maßnahmen ohne klare Evidenz sowie für echte Verbesserungen in allen Care-Jobs!“ am 5.Februar eine Rede gehalten haben.

Diese Stellungnahme von ATTAC ist hier zu lesen:

https://www.attac.de/startseite/teaser-detailansicht/news/stellungnahme-von-attac-deutschland

Die Entgegnung der Kundgebungsorganisatoren und Organisatorinnen hier:

Ähnlichen Angriffen sind momentan Aktive des Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg ausgesetzt.

Wir halten es für wichtig, sich selber ein Bild zu machen; die nächste Gelegenheit ist am Samstag, 19.Februar, um 11 Uhr am Rathausmarkt:

https://www.rathausdemo.de/kommende-demo

Nun zur „Hippie- Kommune“: In Kanadas Hauptstadt Ottawa gibt es seit einigen Wochen ein öffentliches Protestcamp. Auch diese Bewegung wird in den Medien bereits als zumindest „rechtslastig“ (ab)klassifiziert. Die kanadische Regierung hat mittlerweile den Notstand verhängt, den Einsatz des Militärs erwogen (aber zur Zeit nicht umgesetzt) und versucht, das Sammeln von Geldern zur Unterstützung zu kriminalisieren.

Die Journalistin Rupa Subramanya lebt in Ottawa, hat mit Dutzenden Leute auf den Protesten gesprochen. Ihre durch ihre Vielfalt beeindruckenden Portraits von Teilnehmern zeichnet ein komplett anderes Bild als die Darstellung in den Medien.

Eine deutsche Übersetzung ihres Beitrages „What the truckers want“ findet ihr hier:

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