»Dr. Schiwago« von Boris Leonidowitsch Pasternak (1890–1960)

Eine literarische Lesung am 25.Oktober 2019 um 19.30 Uhr bei MehrWertKultur, Nobleestr.13a

Hamlet

Lärm verstummt. Ich trat hinaus zur Bühne.
Angelehnt ans Rahmenholz der Tür
Forsche ich im Nachhall ferner Töne,
Was im Leben noch geschieht mit mir.

Fest auf mich der Nacht tiefdunkler Leere
Sich mit tausend Operngläsern dreht.
Abba, Vater, so es möglich wäre,
Gib, daß dieser Kelch vorübergeht.

Mir ist lieb dein unbeirrbar Planen,
Bin den Part zu spielen auch bereit.
Aber jetzt läuft hier ein andres Drama,
Und für dieses mal laß mich beiseit.

Doch durchdacht rückt Akt um Akt nun näher:
Nichts, das sich dem End entgegenstellt.
Bin allein. Ringsum nur Pharisäer.-

Leben ist kein Gang durch freies Feld.

(aus: »Schiwagos Gedichte«)

Mit dem Buch »Dr.Schiwago« setzte sich der hoch geehrte russische Dichter Pasternak 1956 tragischerweise zwischen alle Stühle: Die sowjetische Führung verstand seinen ersten und einzigen Roman als Abrechnung mit der Revolution und ließ ihn nicht drucken. Die erste Ausgabe erschien auf Italienisch bei dem linken, der Kommunistischen Partei Italiens angehörenden, Verleger Feltrinelli. Der amerikanische CIA verbreitete ohne Pasternaks Zutun die russische Ausgabe als Beispiel für antisowjetische Dissidenz. Ihm wurde der Nobelpreis für Literatur zuerkannt, den er aber letztendlich aufgrund der Drohung, ihn aus der Sowjetunion auszubürgern, ablehnte. Hollywood schließlich verwurstete 1965 den Roman zu einem Schmachtfetzen.doctor-zhivago

Der Roman ist nichts von dem, was in der Zeit des Kalten Krieges in ihn hineingedichtet wurde.

Es stimmt wohl, dass er eine Liebesgeschichte enthält, in die Juri Schiwago verstrickt ist, der zwischen seiner Frau Tonja und Lara hin- und hergerissen ist. Es stimmt wohl auch, dass das ganze hauptsächlich während der Zeit der Revolution 1917 und des ihr folgenden Bürgerkrieges mit all seinen Grausamkeiten spielt.

Es geht aber um mehr, die Liebesgeschichte steht gar nicht mal so im Mittelpunkt, dafür hätte er keine zehn Jahre an seinem Roman gearbeitet. In Schiwago steckt tatsächlich die Zerrissenheit Pasternaks und die seiner Schicht, des liberalen, kunstsinnigen und von der Gerechtigkeit träumenden Bürgertums der späten Zarenzeit. Pasternak / Schiwago begrüßten und unterstützten die gesellschaftliche Umwälzung nach 1917 – aber sie scheuen die notwendig auftretende Gewalt. Dabei ist ihnen bewusst, dass sie auch unter den neuen Verhältnissen von ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihrer Bildung und Beziehungen leben. Dieses Dilemma führt dazu, dass sie sich zurückziehen. Der Unentschiedenheit in Schiwagos Liebe entspricht die Unentschiedenheit in seinem gesamten Leben. So tatkräftig er im Alltag auch scheinen mag, so trifft er doch keine eigene Entscheidung.

Es sei denn die, einsam zu sein.

BORIS_BESIDE_THE_BALTIC_AT_MEREKULE,_1910_by_L.Pasternak

Boris Pasternak gemalt von seinem Vater Leonid (1910)

Pasternak, der vom Leben träumende Dichter und Wladimir Majakowski, der laute und krawallige »Lautsprecher der Revolution« waren miteinander befreundet.

In seiner Autobiographie zitiert Pasternak seinen Freund mit den Worten: »Wir sind völlig verschieden: Sie lieben den Funken im Blitz am Firmament, ich liebe ihn in der elektrischen Leitung.«