Der Jugend einen Strohhut?? Sind neue „Generationen“ immer Triebkräfte gesellschaftlichen Aufbruchs?

Diskussionsveranstaltung
Dienstag, 27.Januar 2026 um 19.30 Uhr
Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Straße 7

Wir sind die erste Generation, die den Effekt des Klimawandels zu spüren bekommt, und die letzte Generation, die etwas dagegen machen kann.

Auf diese Äußerung von Barack Obama aus dem Jahr 2014 bezog sich die mit großer medialer Resonanz bedachte Organisation „Die letzte Generation“. Um die ist es nach den großen Klima-Klebe-Aktionen still geworden. Dafür wird nun angeblich eine „Generation Z“ laut: Es wird von Protesten berichtet, die von Nepal über Marokko bis Frankreich die Welt in Atem hielten.

Auch früher schon war Allgemeingut, dass junge Menschen tendenziell häufiger die vorgefundene Welt in Frage stellen und neue Wege suchen. Allerdings war dies im 20. Jahrhundert meist noch mit sozialen Klassen verknüpft: Die Arbeiterjugend oder die bürgerliche Jugend. Wenn auch schon die Bewegung der „68er“ erstmal nur ein Sammelbegriff für ein allgemeines gesellschaftliches Aufbegehren darstellte, so gab es doch zum einen eine selbst wahrgenommene Differenzierung in dieser Zeit („Lehrlings-“ neben „Frauen“bewegung etwa), als auch eine differenzierende Analyse von außen.

In den letzten Jahrzehnten wurden jedoch Proteste und Bewegungen immer häufiger bestimmten Generationen zugeordnet – zumindest in ihrer medialen Darstellung. So zum Beispiel die Aufstände des „Arabischen Frühlings“ vor 15 Jahren, die hierzulande allgemein als „Facebook-Revolution“ bezeichnet wurden, da sie einer jungen Generation zugeschrieben wurden, welche die neue Medien zu ganz neuen, nämlich revolutionären Zwecken, zu nutzen weiß. Ob diese Zuschreibung stimmt, das ist unsere erste Frage, denn in Ägypten gab es z.B. auch eine breite soziale Bewegung in den Betrieben, Fabriken und Slums, deren Mitstreiter nicht alle einfach „jung“ waren. Oder die o.g. Gen Z-Proteste, unter denen nur bestimmte Proteste mit medial verwertbaren jugendlichen Führungsgesichtern subsummiert werden, während andere Protestbewegungen – wie etwa die Gelbwesten in Frankreich – nicht darunter gefasst werden.

Zum zweiten fragen wir uns, welchen Wert eine Vorstellung von gesellschaftlichem Wandel hat, die von Marktforschungsfirmen und Medien propagiert wird. Diese versuchen nämlich, sich allmählich wandelnde Generationen-Mentalitäten zu erfassen – besser gesagt: zu konstruieren und für Unternehmen und Politiker nutzbar zu machen. So wurde konstatiert, die Generation X (1970 – 1985) habe „null Bock auf Arbeit“, sie sei „orientierungslos und hedonistisch“; die Generation Y (1985 – 2000) gilt als Generation mit einer großen „Freiheitsorientierung“, während der Generation Z (1995 – 2010) mangelnde Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber attestiert wird sowie der Wunsch einer klaren Trennung zwischen Privatleben und Beruf.

Wem das alles gar nicht so verschieden erscheint, hat ganz Recht damit: Was bitteschön ist der Unterschied zwischen „mangelnder Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber“ (Generation Y) und Freiheitsorientierung bezogen auf den Arbeitsplatz (Generation X)?

Und ein Blick in die wissenschaftliche Literatur zum Thema „Generationen“ bestätigt diesen Eindruck: Die so markig in Szene gesetzten Generationenunterschiede wurden letztendlich nie wissenschaftlich untersucht, geschweige denn belegt. Dennoch werden – quasi wider besseres Wissen – diese behaupteten Generationenunterschiede immer häufiger thematisiert und diffundieren als „gesetzte Größe“ in alle sozialen und auch zunehmend in politische Gruppierungen.

Als größtes Problem hierbei sehen wir, dass dieses Herbeireden von Generationentypisierungen aus Menschen ähnlichen Alters homogene Gruppen macht, denen dann unter Ausklammerung sozialer Unterschiede generationenspezifische Charakteristika, Bedürfnisse, Ziele, Lebenseinstellungen usw. unterstellt werden. So zum Beispiel bei den Protesten gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Dort ist ein verbreiteter Slogan: „Der Jugend eine Zukunft!“ Als wäre den anderen „Generationen“ ihre Zukunft egal, bzw. als hätten diese kein Anrecht darauf, sich auch eine gute Zukunft zu wünschen. Und so richtig gelungen ist eine politische Veranstaltung doch auch erst, wenn auch junge Leute dabeigewesen sind – jedenfalls hört man das immer öfter (oder umgekehrt die Klage, dass ja wieder mal „nur“ alte Leute da waren). Parallel wird die bis dato mit Ehrfurcht bedachte „68er- Generation“ als „Boomer- Generation“ medial verhöhnt, als diejenige, die nicht nur die Umwelt durch ihre materiellen Ansprüche zerstört hätten, sondern nun auch die Rentenkassen auf Kosten der „jungen Generation“ plünderten. Der von Kampagnen propagierte Begriff der Jugend / jungen Generation grenzt sich nicht von einem Herrschaftsdiskurs ab, der die Ansprüche von allgemein jungen Menschen gegen allgemein alte Menschen ungeachtet ihrer sozialen Stellung in Stellung bringt.

Was ist also eine Generation? Taugt sie als Kategorie für die Analyse gesellschaftlicher Entwicklung? Geht es um bestimmte Alterskohorten? Unter welchen Bedingungen macht es Sinn, diese zu konstruieren, wo doch tatsächlich permanent Menschen geboren werden und Menschen sterben? Und vor allem:

Warum wird nicht mehr über Kategorien wie „Klasse“ oder wenigstens „soziale Schicht“ gesprochen, sondern über „Generationen“? Hat das Konstrukt „Generation“ eine größere Erklärungskraft als die Begriffe Klasse oder Schicht? Und falls nicht: warum hält sich die Orientierung auf Generationen nicht nur hartnäckig, sondern wird immer häufiger als Erklärung oder Ursache für ein bestimmtes Verhalten, bestimmte Einstellungen und Haltungen zu gesellschaftspolitischen Fragen, aber auch für die Ableitung von Bedürfnissen herangezogen?

Der Erste, der sich mit dem Begriff „Generation“ wissenschaftlich beschäftigt hat, war der Soziologe und Philosoph Karl Mannheim mit seinem Aufsatz „Das Problem der Generationen“ (1928). Ihm ging es dabei weniger um die Festschreibung von „Generationen“ als „Alterskohorten unter gemeinsamen äußeren Bedingungen“ sondern um Erklärungsansätze für gesellschaftliche Veränderungen. Dennoch verselbständigte sich sein Begriff und sein Konstrukt der Generation, sodass es heute als quasi unhinterfragbare Analysekategorie verwendet wird. Wir wollen seinen Aufsatz zusammenfassen und auf dieser Basis gemeinsam darüber diskutieren, welche Bedeutung wir diesem Begriff zuschreiben und darüber spekulieren, was diesen Begriff so attraktiv macht, dass er sich, obwohl als Analysekategorie eher wider- als belegt, so hartnäckig hält.

Der Spagat. Der „heiße Herbst“ von links zwischen politischer Anpassung und sozialpolitischen Forderungen

Diskussionsveranstaltung
Dienstag, 29.November 2022, 19.30 Uhr
Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

Im Sommer wurde von der Regierung und den Medien unisono vor einem „heißen Herbst“ gewarnt. Es wurden einerseits die „berechtigten Ängste und Sorgen“ breiter Bevölkerungsschichten angesichts einer galoppierenden Inflation hervorgehoben. Andererseits wurde gewarnt, dass politische Gruppierungen den Unmut aufgreifen und den Staat an sich „delegitimieren“ könnten. Die Richtung war damit vorgegeben: Forderungen nach sozialpolitischer Abfederung der Krisenfolgen sind legitim, während eine Infragestellung der staatlichen Politik inakzeptabel ist und sanktioniert wird: Die Beobachtung von sog. „Delegitimierern“ durch den Verfassungsschutz soll alle, die im Staatsdienst oder nahestehenden Institutionen arbeiten / arbeiten wollen, einschüchtern. Allen anderen hatte Kanzler Olli Scholz mitzuteilen, dass Niemand die Absicht habe, die Bundeswehr gegen Protestler einzusetzen

Sehr spät haben linke und liberale Gruppen angefangen, Protestkundgebungen zu organisieren – vor allem, um zu zeigen, dass es nicht nur „rechte“ Antworten auf die Krise gebe.

Ein „heißer Herbst“ ist bislang ausgeblieben; zum einen gibt es vor allem in Ostdeutschland seit den Protesten gegen die Coronapolitik des Staates eine Kontinuität von wöchentlichen Spaziergängen und Kundgebungen. Es ist bemerkenswert, dass sie über so lange Zeit regelmäßig und vor allem in vielen kleineren Städten und Orten stattfinden. Die Teilnehmerzahl hat sich nach einem Höhepunkt am 3.Oktober in etwa eingependelt, sie ist stabil oder stagniert, je nach Blickwinkel.

Zum anderen haben linke und liberale Gruppierungen mit relativ großem Aufwand auf zentrale Kundgebungen in Großstädten gesetzt. Die Resonanz hier ist eher bescheiden: In Hamburg folgten am 29.10. etwa 2000 Menschen dem Aufruf eines Bündnisses „Solidarisch aus der Krise“. Bei 70 (!) aufrufenden Organisationen von Gewerkschaften bis nahezu allen örtlichen linken Gruppierungen spricht das nicht dafür, dass diese Organisationen außerhalb ihres eigenen unmittelbaren Organisationszusammenhanges Menschen mobilisieren konnten.

Hier wie da zeichnen sich die Proteste bislang dadurch aus, dass sie vor allem Forderungen an den Staat formulieren, dass sie reine Straßenproteste sind und keine Formen sozialen Widerstandes in Betrieben oder in der Stadt widerspiegeln. Weder die einen noch die anderen richten sich nach außen und rufen zu sozialer Organisierung auf. Anders als in Ländern wie Italien, Frankreich, Großbritannien, Griechenland… gab es hier noch keine größeren Streiks und sozialen Proteste. Warum nicht?

Warum ist das so? Wo finden wir uns wieder? Was wäre unserer Meinung nach wichtig, zu tun?

Wir wollen uns zunächst die ganze Spannbreite der Reaktionen auf die aktuelle politische und soziale Krise anschauen. Wir beginnen mit den Forderungskatalogen verschiedener im weitesten Sinne linker Kampagnen. Diese sind überwiegend auf sozialpolitische Forderungen wie staatliche Einmalzahlungen, Einkommensverbesserungen für Bezieher staatlicher Transferleistungen, Deckelung der Preise für die Grundbedürfnisse und eine staatliche Finanzierung der „öffentlichen Daseinsvorsorge“ fokussiert. Wir wollen schauen, ob dort in sich schlüssige Konzepte formuliert werden.

Auf der anderen Seite des Spektrums steht die AfD, die sich gegen die deutsche Kriegsbeteiligung als wesentliche Ursache der wirtschaftlichen und sozialen Krise ausspricht, gleichzeitig aber für eine äußerst restriktive Sozialpolitik plädiert.
Siehe Beitrag der ehemaligen Junge Welt – Redakteurin Susan Bonath: „Alternative Zwangsarbeit“:

Dann wollen wir skizzieren, was die sozialpolitischen Kernelemente der staatlichen „Schutzschirme“, „Entlastungspakete“ und der diverses „Wumms!“- Maßnahmen ausmacht.

Im letzten Teil kommen wir auf die Frage zurück, was uns wichtig wäre.
Folgendes Flugblatt vom Jour Fixe der Gewerkschaftslinken führt einige Fragen auf:

Inhaltlich könnte sich eine Diskussion um Perspektiven daran anknüpfen, dass die Weltwirtschaft mit ihrer neoliberalen Börsen- und Finanzwirtschaft offensichtlich an ihr Ende kommt. Vielerorts ertönt mehr oder minder zaghaft der Ruf nach „Verstaatlichung“ oder „Vergesellschaftung“ einzelner Wirtschaftszweige. Je nach Krisenkonjunktur die Gesundheitsbranche, Energiewirtschaft oder Lebensmittelindustrie. Von der Politik aufgenommen wird seit der Finanzkrise 2008 der Ruf nach Verstaatlichung – allerdings nur in einer Form, die die angehäuften Schulden dem Staat aufbürdet und ohne eine auch nur ansatzweise Änderung der Wirtschaftsweise.

Zu dem Dilemma einer „Verstaatlichung“ siehe: „Verstaatlichung – verworfen, gefordert, umgesetzt und nun?“

Die Forderung nach einer „Vergesellschaftung“ geht wesentlich weiter, allerdings fußt sie bislang leider nicht auf realen Kämpfen. Das ist das große Manko; wenn wir uns in der Geschichte bewegen, hat die politische Parole der russischen Bolschewiki „Alle Macht den Räten!“ nur wirken können, weil in der (gescheiterten) Revolution 1905 in vielen Fabriken und Städten Räte als Organisationsform entstanden sind. Als Kampagne ohne diese tatsächliche Entwicklung hätte sie kaum ihre Wirkung entfalten können!

Wir können sich noch zu entwickelnde Organisationsformen nicht vorwegnehmen, aber wir können diskutieren, vor welchen Problemen wir stehen und in welcher Richtung eine Perspektive liegen könnte!