„I am Not Your Negro“

Dienstag, 29.Oktober 2019, 19.30 Uhr

Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

1910_BaldwinDer vor drei Jahren erschienene Film »I Am Not Your Negro« ist ein eindrücklich gemachter Dokumentarfilm. Er basiert auf dem Fragment »Remember This House« des afro-amerikanischen Schriftstellers James Baldwin (1924–1987). Baldwin plante Ende der 70er Jahre ein Resümee seiner Erfahrungen in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der USA zu schreiben – anhand seiner Erinnerungen an drei große Leitfiguren, die alle ermordet wurden: Zum ersten Medgar Evers, der eine wichtige Rolle in der Bürgerrechtsbewegung in den ländlichen Südstaaten der 50er Jahre gespielt hatte und 1963 von einem weißen Rassisten ermordet wurde. Dann Malcolm X, dem im Gefängnis zum Islam übergetretenen späteren Wortführer der Nation of Islam. Malcom X ist in den Ghettos von Detroit groß geworden. Für ihn war offensichtlich, dass die Hoffnungen vieler Bürgerrechtler aus dem Süden auf materiellen Aufstieg durch politische Integration und volle Bürgerrechte nicht erfüllt werden würden: Wenn die Bürgerrechtler die 400jährige Geschichte des staatlichen und gesellschaftlichen Rassismus in ihrer Unreformierbarkeit nicht wahrhaben wollten, so Malcom X, würden sie nur den trügerischen Versprechungen der »liberalen« Weißen auf den Leim gehen. Daraus folgerte er, dass es für die Schwarzen zunächst vor allem darum gehen solle, wieder Selbstbewusstsein zu erlangen, wenn nötig mit Gewalt. Unter dem Einfluss des antikolonialen Kampfes in Afrika und Asien und seinem Kontakt dort mit anderen, auch »weißen« Unterdrückten, rückte Mitte der 60er Jahre die grundsätzliche Möglichkeit eines gemeinsamen Kampfes aller Unterdrückten in seinen Horizont. 1965 wurde er von Mitgliedern der Nation of Islam als Verräter ermordet.

Eine ähnliche Entwicklung, wenn auch von einer anderen Ausgangsposition, nahm Martin Luther King. Auch er vertrat zunächst die „Sache der schwarzen Bevölkerung“. Sein Ziel war die Integration der Schwarzen in die weiße Gesellschaft. Der Aufstand der afroamerikanischen Bevölkerung des Los Angeler Stadtteil Watts im Jahr 1965 mit 34 Todesopfern zeigte ihm die Dringlichkeit, nicht nur die politische Gleichberechtigung von Minderheiten einzufordern – entscheidend wurde für ihn zunehmend die Frage sozialer Gerechtigkeit, somit der Kampf gegen die kapitalistische Form der Gesellschaft. Von seinem nun sozialreformerischen, bzw. sozialrevolutionären Standpunkt aus initiierte er 1968 die „Poor People’s Campaign“ und den „Poor People’s March on Washington„, in der Arme aller Hautfarben und Nationalitäten ihre Gleichberechtigung einfordern wollten. Es ging ihm nicht mehr „nur“ um die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung Schwarzer, sondern um die Beseitigung sozialer Missstände und den Kampf gegen Armut, Krieg und Unterdrückung. Mit seiner Politik des gewaltlosen Widerstandes war King eine prägende Figur der Bürgerrechtsbewegung. Durch seine vehemente und beharrliche Ablehnung des Krieges Ende der 60er Jahre zog er große Wut und Ablehnung von etablierten Vertretern der Bürgerrechts­bewegung auf sich. Viele fürchteten um die finanzielle und politische Unterstützung der weißen Liberalen. King wurde 1968 ermordet.

Der Regisseur Raoul Peck kontrastiert Textpassagen aus Baldwins Buchfragment mit filmischen Sequenzen aus den 50er und 60er Jahren und Aufnahmen der »Black Lives Matters«- Bewegung der letzten Jahre in den USA (= »Schwarze Leben zählen!«, eine Bewegung gegen die rassistische und oft tödliche Gewalt der Polizei, sowie die Weigerung des Justizapparates, diese Taten zu ahnden). Heraus kommt ein sehr beklemmendes Bild der Kontinuität des Rassimus in den USA.

Allerdings hat der Film auch entscheidende Leerstellen. Peck geht es um eine afro-amerikanische Identität und er will mit Baldwin einem weißen Publikum zeigen, dass der Rassismus bis heute Realität ist. Aus diesem Bemühen heraus werden die drei Protagonisten einfach zu drei mutigen Menschen, die ihr Leben ihrer Sache geopfert haben. Eine politische Auseinandersetzung mit der Bürgerrechtsbewegung vermeidet der Film. Er spricht nicht über das Auseinanderbrechen der Bürgerrechtsbewegung aufgrund von verschiedenen Positionen zum Vietnamkrieg. Er schweigt auch über die ökonomische Spaltung der Bürgerrechtsbewegung zwischen einer kleinen Mittelschicht, deren Integration tatsächlich anfing, und einer Mehrheit von proletarischen Massen in den Slums der Großstädte.

Der Film kann auf der Webseite der Bundeszentrale für Politische Bildung angeschaut werden:

http://www.bpb.de/mediathek/283417/i-am-not-your-negro

Wir wollen uns kritisch mit der Leerstelle des Films – nämlich der Auslassung der identitätsübergreifenden Klammer des Klassenkampfes – beschäftigen.

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Link: Dr. King’s Vision: The Poor People’s Campaign of 1967-68

Link: JAMES BALDWIN’S JOURNEY (auf englisch)

Ein Artikel aus der Zeitschrift „Socialist Worker“ vom September 2017

Ronnie Flores introduces the writings of one of the 20th century’s great novelists and essayists–and his political transformation in the era of the Black freedom struggle.

THE WRITER James Baldwin is being rediscovered today, particularly by a new generation of radicals, nearly 30 years after his death in 1987.

It easy to understand why participants in the Black Lives Matter struggle or other movements would look to Baldwin. His words express as well as anyone the profound sense of alienation felt by the oppressed. (…)“

 

Das Einzelne und das Ganze – Wie können wir die Gesellschaft bewegen?

1909_GelbwestenDiskussionsveranstaltung

17.September 2019 – 19.30 Uhr

Mieterpavillon,

Friedrich-Naumann-Str.7

Achtung: Ausnahmsweise nicht am letzten Dienstag des Monats!!

 

1968“ ist ein Sammelbegriff für eine Bewegung, die zweifellos die Gesellschaft verändert hat.
1917“ ebenso.

Heute dagegen sehen wir ein buntes Kaleidoskop von vielen einzelnen Bewegungen, die auf- und wieder abebben: Klima-, Tierrechts-, Schwulen-, Anti-AKW-, Recht auf Stadt-Bewegung usw.

Oft geht es um die Durchsetzung bestimmter Einzelforderungen, mal geht es um die Fridays for future (March 15 2019)gesellschaftliche Akzeptanz kultureller Identitäten. Am ehesten hat es noch die Bewegung zwischen 2008 und 2011, die von Occupy über die Platzbesetzungen in Südeuropa bis zum „Arabischen Frühling“ reichte, geschafft, eine globale Vision von sozialer Gerechtigkeit und Basisdemokratie sichtbar werden zu lassen.

Was macht also eigentlich eine Bewegung aus, die die Gesellschaft verändern kann? Und was unterscheidet eine Initiative von einer Bewegung?

Wir wollen in der Veranstaltung nach unseren Perspektiven fragen.

Als Einstieg ein paar Fragen an uns und an euch…:

Warum haben wir uns in den letzten Jahren in den verschiedenen Bewegungen in Hamburg engagiert?

Aber auch umgekehrt: Warum haben wir uns in den letzten Jahren in den verschiedenen Bewegungen in Hamburg nicht engagiert?

…und ein paar Gedanken / Antworten von uns:

  • Die soziale Differenzierung spiegelt sich in Protesten wider; man bewegt sich im Betrieb und im Alltag nicht mehr selbstverständlich in einem Umfeld, das gleiche Erfahrungen teilt. Wenn sich andere Menschen zusammentun, kann man sie spontan erstmal als fremd wahrnehmen.
  • Bewegungen, die sich von vorneherein auf „andere“ beziehen, also zur Solidarität auffordern, machen es auf der einen Seite leichter, sich praktisch einzubringen. Auf der anderen Seite kann das aber auch polarisieren, weil es keinen Raum gibt, widerstrebende Interessen zu formulieren.
  • Kulturelle Identitäten ermöglichen ein Zusammengehörigkeitsgefühl über soziale Unterschiede hinweg, wirken aber auch ausschließend.
  • Bewegungen müssen eine kollektive Handlungsperspektive eröffnen, die eigene Rolle in der Familie, auf der Arbeit und gegenüber dem Staat zu verändern!

Wir freuen uns auf eine anregende Diskussion!

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Eine kleine Auswahl von Einschätzungen zu Bewegungen der letzten Jahre (zu ergänzen!):

  • Gelbwestenbewegung in Frankreich

Gelbe Westen. Eine Korrespondenz aus Frankreich

In: Theorie & Praxis – Sozialismus in Wissenschaft und Politik, 23. Februar 2019

https://theoriepraxis.wordpress.com/2019/02/23/gelbe-westen/

 

„Die Produktion von Wissen und die Produktion von Konflikten – das gehört für uns zusammen“

Ein Gespräch über die Gelbwesten-Bewegung mit Davide Gallo Lassere von der Plattform für militante Untersuchungen (Paris)

16.Juli 2019

https://translibleipzig.wordpress.com/2019/07/16/die-produktion-von-wissen-und-die-produktion-von-konflikten-das-gehoert-fuer-uns-zusammen-praktische-erfahrungen-in-der-gelbwesten-bewegung/

Pierburg: Ihr Kampf ist unser Kampf

Buchvorstellung „Wilder Streik – Das ist Revolution. Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973“ von Dieter Braeg und Dokumentarfilm (Regie: Edith Schmidt, David Wittenberg)

Dienstag, 30.Juli 2019 — — — 19.30 Uhr im Mieterpavillon — — — Friedrich-Naumann-Str.7

13. August 1973: Weil sie trotz harter Akkordarbeit nach der untersten Lohngruppe 2 bezahlt werden (4,70 DM pro Stunde), starten die migrantischen Arbeiterinnen bei dem Neusser Vergaserhersteller Pierburg für fünf Tage einen »wilden Streik«. Von den insgesamt 3800 Beschäftigten sind 70 Prozent Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die Mehrzahl davon Frauen. Die Arbeitsmigrantinnen demonstrieren gegen die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen, fordern »Eine Mark mehr« und treten insgesamt für bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen ein. Nach und nach schließen sich die deutschen Kolleginnen an, und die Stimmung auf dem Pierburg-Gelände erlangt zuweilen Festcharakter. Erst als klar wird, dass die Streikenden dabei sind, die gesamte deutsche Automobilindustrie lahmzulegen, kommt es zu ernsthaften Verhandlungen zwischen Belegschaft und Werksleitung: die Leichtlohngruppe 2 wird abgeschafft, der Lohn erhöht.

1609_Pierburg_1Der Film dokumentiert den Streik. Edith Schmidt-Marcello und David H. Wittenberg haben das Material, das während des Streiks von unterschiedlichen Akteurinnen vor Ort gedreht wurde, in Absprache mit den Streikenden montiert und mit eigenen Filmaufnahmen ergänzt.

ergänzende Texte:

Wilder Streik bei Pierburg: Freudentänze mit Facharbeitern
14. August 2018

Vor 45 Jahren traten die Arbeiterinnen der Neusser Vergaserfabrik Pierburg in den Ausstand. Der damalige stellvertretende Betriebsratsvorsitzende erinnert sich an einen der legendärsten Streiks der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte

Dieter Braeg arbeitete von 1971 bis 2004 beim Automobilzulieferbetrieb Pierburg in Neuss. Hier war er zehn Jahre im Betriebsrat tätig. Zum vierzigsten Jahrestag des Pierburg-Streiks hat er einen Sammelband mit historischen Dokumenten zum Streik von 1973 herausgegeben.

Dein Buch über den Arbeitskampf bei Pierburg heißt »Wilder Streik – Das ist Revolution«. Was hat es mit dem Titel auf sich?

Der Titel geht auf eine Aussage des damaligen Polizeidirektors von Neuss gegenüber einem Journalisten zurück. Mit dem Verweis auf den »revolutionären Charakter« des Streiks versuchte er, die brutalen Übergriffe der Polizei gegen die Arbeiterinnen zu rechtfertigen. Bereits unmittelbar bei Streikbeginn zur Montagsfrühschicht um sieben Uhr hetzte die Firmenleitung über Notruf die Polizei auf die Arbeitsunwilligen vor den Werktoren. Die setzte Knüppel gegen die Kolleginnen ein. Die Staatsmacht schätzte die Streikbewegung als so gefährlich ein, dass sie bereit war mit repressivsten Methoden dagegen vorzugehen.
(…) Link zum kompletten Artikel

Link zu Sonderseite zum Buch und Film bei Labournet Deutschland, mit Rezensionen, Filmausschnitten etc.

Zwei Links (Pierburg_Interview_1 und Pierburg_Interview_2) zu einem Abschnitt aus seinem Buch: „Das wichtigste ist, dass eine Gesamtbelegschaft ein gemeinsames Interesse hat“. Unter dem Titel verbirgt sich ein langes Interview mit ihm über seine Erfahrungen als Betriebsrat und politisch Aktiver bei Pierburg; es geht schwerpunktmäßig um die „Gastarbeiter(innen)“, deren Lebens- und Arbeitssituation, deren politischen und alltäglichen Widerstandsformen und um die Auseinandersetzungen innerhalb der gesamten Belegschaft und die Haltung der Gewerkschaft. U.a. mehr. Sehr lesenswert!

Nationaler Wahn oder EU – Diktatur?

Vorstellung und Diskussion des Buches „Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780“ vom Historiker Eric Hobsbawm

Dienstag, 25.Juni 2019 — — — 19.30 Uhr im Mieterpavillon — — — Friedrich-Naumann-Str.7

Manchmal scheint sich nur die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub aufzutun: Auf der einen Seite eine kaum kontrollier- und reformierbare EU- Zentralregierung in Brüssel und auf der anderen Seite sog. „Populisten“, die für einen neuen Konkurrenzkampf der Nationen rüsten. Doch warum gleichen sich in vielen Punkten diese scheinbaren Gegensätze?
1906_MarianneWir fragen uns dagegen: Wie sähe ein Europa und eine Welt aus, die sich weder in Nationen teilt, noch eine zentralisierte Technokratie wäre?
Grundgedanken
Die EU ist keine Institution, die die Einteilung der Welt in Nationalstaaten überwindet, sie ist ein Zusammenschluss von Nationalstaaten. Als solcher lebt sie von den Ungleichheiten ihrer Mitglieder, einem prosperierendem Zentrum und einer wegdriftenden Peripherie. Sie lebt davon, dass Menschen aus dem einen Land in ein anderes gehen, um dort für wenig Geld zu arbeiten. Wenn sich die Löhne angleichen, stellt sie das Gefälle wieder her, indem sie sich um noch ein verarmtes Land erweitert oder Menschen von noch weiter her anwirbt. Um diese Struktur aufrechtzuerhalten, zerstört sie die bisherigen (nationalen) Sozialsysteme und öffentliche Infrastruktur durch den Zwang zu Privatisierungen und Wettbewerb, rüstet sie im Inneren die Polizei immer weiter auf und nach außen das Militär. Sie will Vorreiterin und Mitspielerin in einer Welt sein, die von einigen Machtblöcken beherrscht wird.
Ihre Legitimation ist die einer sog. Europäischen Wertegemeinschaft mit Idealen wie Toleranz, Frauengleichberechtigung und Menschenrechte. Werte, in deren Namen immer mehr Länder in Schutt und Asche gebombt werden. Insofern treffen sich die »Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« mit dem Konsens innerhalb der liberalen Eliten…
Auch europäische Nationalisten stehen nicht außerhalb der EU und träumen von einem unabhängigen Groß-Polen, -Ukraine, -Österreich oder Deutschland. Sie bewegen sich alle im und um den Kosmos der Europäischen Union und wollen für ihre Klientel die Ausgangsbedingungen im Wettbewerb verbessern.1906_Nationen_Buch

Der 2012 im Alter von 95 Jahren gestorbene Historiker Eric Hobsbawm hätte sicherlich auch keine Lösung parat, aber er bietet in seinen Darlegungen zur Geschichte des Nationalstaates und des Nationalismus‘ Anregungen zum Nachdenken über diese Begriffe und die dahinter stehenden Konzepte!

Hier ein Link auf eine pdf-Version des Buches!