Der Krieg ist die Fortsetzung der Zivilgesellschaft mit anderen Mitteln…: Das Dilemma des „Community- Kapitalismus“

Buchvorstellung und Diskussion

Dienstag, 31.Mai 2022, 19.30 Uhr

Mieterpavillon, Friedrich- Naumann- Straße 7

21075 Hamburg

Der Begriff »Zivilgesellschaft« klingt gut – nach dem Gegenteil von Militär, nach Eigeninitiative, Demokratie, Toleranz, Vielfältigkeit … Wie können wir uns erklären, dass hierzulande die lautesten Rufe nach Krieg heute im Namen eben dieser „Zivilgesellschaft“ erschallen?
Unvergessen die Antwort der damaligen (1996) US- Staatssekretärin Madelaine Albright auf die Frage, ob der Tod von (nach UN- Angaben) mindestens 500 000  irakischen Kindern durch die Folgen der Sanktionen „es“ wert sei: „Ich denke, es ist eine sehr schwierige Entscheidung, aber der Preis – wir denken, der Preis ist es wert“.
In Afghanistan sollte mit dem Tod von über 200 000 Afghanen die Zivilgesellschaft gestärkt werden …
Heute geht es nach 1914-18 und 1939-45 wieder um unseren Schutz vor den barbarischen russischen Horden. Putin = Hitler, die russische Armee = SS, „russischer Vernichtungskrieg“ und dergleichen schrille und grenzenlose Rhetorik mehr.

Welcher Preis? Was ist „es“? Wer sind „wir“? Wer sind „die Anderen“?

– „es“ ist diffus: ein Zustand von „Moderne“, Demokratie, Freiheit, Fortschritt, Wissenschaft…

– „wir“ sind diejenigen, die diesem Pfad folgen

– „sie“ sind diejenigen, die (noch) nicht erkannt haben, dass dieser Fortschritt menschheitsgeschichtlich der einzig richtige ist.

Wähle, was dir wichtig ist: Waffen, Medizin, Wiederaufbau… Crowdfunding- Seite der ukrainischen Regierung

Eine Grundbedingung der Gesellschaft bleibt allerdings ausgespart: Die Eigentums- und die darauf aufbauenden ökonomischen Machtverhältnisse. Die an Schärfe zunehmenden gesellschaftlichen Krisen der letzten Jahre machen deutlich, dass es dabei nicht „nur“ um eine ungerechte Verteilung geht (was hilft mir bspw. die Reisefreiheit, wenn ich kein Geld habe?); es werden auch in den „Inseln des Wohlstandes“, in den Zentren der globalen Gesellschaft, politische Machtstrukturen ausgebaut und verschärft. Wurden in der sog. Migrationskrise die Außengrenzen der EU gegen Flüchtlinge weiter auf tödliche Art und Weise abgeschottet – 2015 nur kurz unterbrochen -, so haben die Regierungen in der sog. Corona- Krise die Mobilität innerhalb der EU einem politischen Regime unterworfen und an Bedingungen geknüpft, wie den Impfstatus. Der Soziologe Steffen Mau beschreibt in seinem Buch „Sortiermaschinen“ die Wandlung außenstaatlicher Grenzen in ein umfassendes Regime von flächendeckenden Mechanismen von Zugangskontrollen.

Ideologisch wird dieser Prozess von einem zunehmend identitären Freund- / Feind- Schema begleitet; auf der einen Seite entstehen politische Bewegungen, die sich mit nationalen oder religiösen Identitäten legitimieren, auf der anderen Seite steigert sich der ausschließende Charakter der (neo-)liberalen angeblich freiheitlichen Lebensweise:

Meinungsfreiheit! – aber nur für die, die unserer Meinung sind!

Freie Mobilität! – aber nur für die, die sich an unsere Regeln halten!

Demokratie! – aber nur für die, die ihrer würdig sind!

Menschenrechte! – aber nur für die, die wir als Menschen akzeptieren!

Kampnagel Hamburg lässt Künstlerinnen für Waffen werben…

Um nochmal auf den Krieg in der Ukraine zurückzukommen: Die ukrainische Medienwissenschaftlerin Olga Baysha hat kürzlich in einem Interview den Finger in die Wunde gelegt, als sie feststellte, dass die Eskalation des Konfliktes in dem Moment anfing, als die sozialen Konflikte dort 2013 / 14 nicht als solche artikuliert, sondern von den liberalen Mittelschichten als kulturelle gedeutet wurden. Eine realistische Einschätzung der sozialen Verfassung der Europäischen Union und der Auswirkungen der Integration der Ukraine in die Union gab es nicht, sondern sie wurde als Symbol für „Werte“ überhöht. Opponenten des EU- Beitritts wurden als „Moskowiter“ und kulturell rückständige Barbaren betrachtet. Daraus resultierte die bis heute bestimmende Allianz von liberal- westlichen Kräften und militanten Nationalisten.

Der wahre Zelensky: Vom prominenten Populisten zum unbeliebten Neoliberalen im Stile Pinochets

Von der anderen Seite betrachtet stimmt es ebenso, dass sich die Angst der von Privatisierungen und Ausverkauf des Landes an internationale Finanzinvestoren Bedrohten auch in erster Linie kulturell artikulierte, als Rückgriff auf eine sowjetische und / oder russische Identität. Der Prozess der neoliberalen Gesellschaftsumgestaltung führte in der Ukraine wie in vielen anderen Ländern in den Bürgerkrieg – und das ist er auch, parallel zu den geopolitischen Rivalitäten zwischen Großmächten.

„Fragen Sie ihren Nachbarn!“ (Karl Lauterbach als Lösungsvorschlag für das Problem eines verschärften Pflegenotstandes durch den Ausschluss ungeimpften Pflegepersonals)

In unserer Veranstaltung wollen wir den Bogen schlagen von der aktuell drängenden Eskalation des Krieges und seiner gesellschaftlichen Dynamik zur „Normalität“ der neoliberalen „Zivilgesellschaft“.

Um auf eine bessere Antwort auf die drängenden Fragen der Zeit zu kommen, versuchen wir, die Fallstricke zu erkennen, die darüber gespannt werden, dass jedes Herrschaftssystem sehr findig ist, Elemente oppositioneller Bewegungen in sein Handeln aufzunehmen und einzubeziehen.

Die Soziologinnen Silke van Dyk und Tine Haubner beschreiben in ihrem 2021 erschienene Büchlein „Community – Kapitalismus“ den Zerfall der Gesellschaft in identitäre „Communities“: Er ist sowohl eine von oben forcierte Folge der Auflösung traditioneller sozialer Bezüge, als auch eine Umformung einer sich von „unten“ entwickelnde Suche nach selbstbestimmten Gesellschaftsformen.
Ihre Betrachtungen richten sich vor allem auf das Feld der „sozialen Dienstleistungen“, d.h. der Reproduktion der Menschen als Einzelne oder als Gruppe / Klasse.

Historisch entwickelten sich ab Ende der 60er Jahre Bewegungen sowohl gegen die bürokratischen Zwangsformen des Sozialstaates (wie etwa geschlossene Heime, ein autoritäres Schulsystem etc.) als auch gegen die alten Formen der Familie. Innerhalb dieser Bewegung gab es eine Tendenz, es „besser“ machen zu wollen, neue Formen des Gesundheitsschutzes, der Bildung etc. zu entwickeln und diese Organisationsformen als Keimzellen eines Widerstandes zu nutzen.

Ab den 80er Jahren begann der Staat, sich langsam aus vielen Bereichen des Sozialstaates zurückzuziehen und / oder sie in staatlicher Trägerschaft marktwirtschaftlich zu organisieren. Nun fing die Debatte um den „Neoliberalismus“ als neue Phase des Kapitalismus an. Gemeinhin wurde wahrgenommen, dass diese Phase davon gekennzeichnet sei, dass alle Lebensbereiche „vermarktwirtschaftlicht“ würden und sich jede Tätigkeit in bezahlte Lohnarbeit verwandle. Van Dyk und Taubner kritisieren diese Sichtweise: Der Kapitalismus habe schon immer davon gelebt, dass gesellschaftliche Arbeit unbezahlt geleistet wurde: Familiäre und naturwüchsige soziale Bindungen haben bis in die 1950er Jahre das (Über-)leben der Lohnabhängigen Schichten gesichert. Ab da bis in die 70er Jahre wurden viele der Reproduktionstätigkeiten wie Pflege etc. über staatliche Institutionen als Lohnarbeit organisiert. Die u.a. aus steigender Frauenerwerbstätigkeit folgende Auflösung familiärer Bindungen stellte das Kapital vor das Problem, dass eine soziale Arbeit keinen unmittelbaren Mehrwert produziert, sondern über Steuern und Sozialversicherungsbeiträge aus dem Lohn bezahlt werden. Seit den 80er Jahren wird die staatliche Grundversorgung heruntergefahren, gekürzt, privatisiert und geschlossen. Um die entstehenden Lücken zu schließen, fördert der Staat seitdem das ehrenamtliche (also unbezahlte) Engagement. Neben finanziellen Ersparnissen bietet das Ehrenamt dem Kapital auch eine Legitimationsbasis – zeigt es so, dass es nicht nur den schnöden Mammon anbetet, sondern auch das Miteinander in der Gemeinschaft („community“) fördert. An die Stelle historisch entwickelter und quasi naturwüchsiger Verpflichtungen treten „wertebasierte“, also identitäre Gemeinschaften, die sich um das Gemeinwohl kümmern. Konservative und Rechte reagieren auf diesen Rückzug des Staates mit dem Bezug auf vermeintlich tradierte familiäre und nationale Identitäten, während „Fortschrittliche“ und Linke ihre Identität aus bewusst selbst gewählten und geteilten Werten herleiten. Alle Gruppenidentitäten grenzen sich allerdings von anderen ab – auch eine linke Selbstorganisation wird ihre Hilfe nur denjenigen angedeihen lassen, die ihre definierten moralischen Ansichten teilt.

Nur ein Staat bietet van Dyk und Taubners Meinung nach grundsätzlich eine tendenziell universale Versorgung und Hilfe an; zumindest dem Anspruch nach ist die Versorgung durch den Sozialstaat nicht daran gebunden, welche politische Überzeugung ich habe oder wie ungenießbar ich persönlich bin. Am Beispiel einiger Sektoren zeigt sie das Dilemma auf, dass gutgemeintes „bürgerschaftliches“ Engagement die bewusst gerissenen Lücken des Sozialstaates einfach nur füllt – und das auch noch unvollständig, da gerade die Ärmsten und „Schwierigsten“ aus dem Raster fallen. Zugleich ist dieses Engagement in staatliche Strukturen und Hierarchien eingebunden. Eine Kritik an dieser Einbindung finde auch in linken Kreisen kaum noch statt, die stattdessen einen identitären Aspekt und den der „Selbstorganisation“ überhöhen.

Wir wollen an Hand von Beispielen aus dem Buch die Mechanismen skizzieren, mit denen eine ganze Bandbreite von (schlecht) entlohnter bis zu nicht entlohnter Arbeit durchgesetzt worden ist und Fragen diskutieren:

  • Welche Probleme ergeben sich aus der Mobilisierung freiwilliger und gemeinschaftlicher Arbeit?
  • Welches sind die arbeitspolitischen Folgen der Informalisierung?
  • Führt informelle und freiwillige Arbeit tatsächlich zu mehr Autonomie?
  • Wie stabilisieren diese Arbeitsformen gesellschaftliche Ungleichheit?
  • Wie lassen sich ehrenamtliche Strukturen politisch instrumentalisieren?

Wer schonmal reinschnuppern möchte, kann sich das Vorwort des Buches auf der Webseite des Verlages anschauen:https://www.hamburger-edition.de/buecher-e-books/artikel-detail/community-kapitalismus/


Aus der Heimarbeit zum Generalstreik??

Das neue Jahr hat angefangen, aber es geht weiter mit der „Neuen Normalität“. Es gäbe viele Themen, über die wir gerne diskutieren würden, aber noch immer überwiegt Corona alles. Wir hoffen, dass das nicht so bleibt!

moderner „kreativer“ Heimarbeiter

Der Kolumnist Helmut Höge hat Ende Dezember auf eine interessante Folge des Home Office – Booms hingewiesen: Das epidemische Problem der „ZOOM- Faces“. Immer mehr jungen und nicht mehr ganz jungen Menschen fällt auf, dass ihr Bild bei Videokonferenzen sehr unvorteilhaft aussieht. In den USA werden – Corona zum Trotz – so viele kosmetische Operationen wie noch nie durchgeführt und Botox tonnenweise verkauft. In Deutschland sei das Umgehen immer noch stärker pädagogisch geprägt, man versuche sich in psychologischer Anpassung an eine verquere Umwelt. Da sieht er Parallelen zum zwangsweisen Anpassen der Ostdeutschen in den 90er Jahren: Sie wurden in unzähligen Videokursen „fit“ für die (westliche) Realität gemacht, in der es nur um den Verkaufsfaktor geht und die Persönlichkeit keine Rolle spielt. (Amerikanisierung. Junge Welt, 29.12.2020)
Über den Hinweis auf diese sehr speziellen Probleme sind wir nur gestolpert, weil wir in einem anderen Zusammenhang an die Problematik von Heimarbeit, auch: Home Office, gestoßen sind. Und zwar die Frage, wie wir uns organisieren sollten, wenn persönliches Zusammenkommen geächtet wird: Seit einigen Wochen erhält eine Internetkampagne namens ZeroCovid recht viel Aufmerksamkeit (Link zum Aufruf: https://zero-covid.org/ ) . Kerngedanke ist es, den Lockdown auf alle „gesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche“ der Wirtschaft auszudehnen und das ganze „selbstbestimmt“ und „solidarisch“. Der Lockdown solle nicht von oben durchgesetzt, sondern von unten in den Betrieben „gestaltet“ und umgesetzt werden. Staat und Unternehmer sollen dann für den Erhalt des Lebensstandards der Beschäftigten und darüber hinaus „aller“ Menschen garantieren plus das Gesundheitswesen ausbauen. Damit schwebt den Initiatoren offensichtlich so etwas wie ein europäischer Generalstreik zum Gesundheitsschutz vor. Nachdem die Infektionszahlen auf nahezu Null heruntergegangen sein würden, könnten die Einschränkungen vorsichtig gelockert werden. In der Zeit danach reichten eine „Kontrollstrategie“ und „energische Eindämmung“ regionaler Ausbrüche. Die Künstler und Akademiker, die die Petition initiiert haben, wollen so eine Strategie formulieren, die die Maßnahmen der Regierung aus einem Blickwinkel der „Solidarität“ kritisiert, um sich von „Querdenkern“ abzusetzen:

Ppapierblumen sortieren, New York, 20er Jahre

„Demokratie ohne Gesundheitsschutz ist sinnlos und zynisch. Gesundheitsschutz ohne Demokratie führt in den autoritären Staat. Die Einheit von beidem ist der entscheidende Schlüssel zu einer solidarischen ZeroCovid-Strategie“

Manches davon hört sich auf den ersten Blick ganz sympathisch an – aber wie sieht das im Detail aus, wie müssen wir uns die geforderte „Pause“ vorstellen?

1) Zunächst soll es ja um einen selbstbestimmten Generalstreik gehen. Gut. Aber wer soll den Generalstreik organisieren, wenn man sich nur noch im Internet trifft / treffen darf? Es ist realitätsfern, zu glauben, dass das soziale Miteinander im Alltag entbehrlich ist. Gerade dann, wenn man gegen den Chef etwas durchsetzen will und unter Druck steht. Die einzigen, die in dieser Vision als Handelnde überbleiben, sind gewerkschaftliche und behördliche Verwaltungsapparate. Mit Selbstbestimmung hat das nichts zu tun.

2) Welches sind die „gesellschaftlich dringend erforderlichen“ Bereiche der Wirtschaft und welche fallen nicht darunter? Klar, Luxuskonsumwaren braucht man nicht unbedingt – vor allem, wenn man sie sich eh nicht leisten kann. Kreuzfahrten und die Harley Days auf der Reeperbahn kann man auch aussetzen, ebenso Schönheitsoperationen und Friseurbesuche. Aber dann wird es schon schwierig; auf eine gesellschaftliche Infrastruktur kann man nicht längere Zeit verzichten: Essen muss produziert, transportiert und verteilt werden. Müll muss entsorgt, Strom und Wärme produziert werden. Kleidung ist im Winter auch nicht schlecht. Krankenversorgung braucht viele Hilfsmittel und Apparaturen. Die müssen gewartet werden und es braucht Ersatzteile, usw. usf. Es lassen sich kaum ganze überflüssige Bereiche ausmachen. Tatsächlich gibt es viele Tätigkeiten, die überflüssig sind. Wie könnte man die Arbeitskraft von Polizisten, Soldaten und Immobilienmakler gesellschaftlich sinnvoll einsetzen, statt die einen auf die Jagd auf Maskensünder zu schicken und die anderen bezahlt zu Hause sitzen zu lassen?

3) Stellen wir uns doch die Frage, welche Tätigkeiten gesellschaftlich wichtig sind und wie die im Interesse des Gesundheitsschutzes gestaltet werden sollten. Daraus ergäben sich Fragen, wie die unverzichtbare Arbeit gestaltet werden sollte. Da ist „Abstand halten“ zu Kollegen vielleicht eine Möglichkeit, aber sicherlich nicht die einzige. U.U. könnte das Arbeitstempo heruntergefahren, die Arbeitsteilung zurückgenommen werden o.a. Darüber sollte in den Betrieben eine Diskussion angeregt werden!

Böhmische Zigarrendreher, ca. 1890

4) Zurück zur Petition: Irgendwann steckt sich niemand mehr an, weil die Menschen sich nicht mehr treffen. Gut, alsdann sollen Kontrollstrategien und energische Eindämmung greifen. Was heißt das, wenn nicht staatliche Zwangsmaßnahmen: Kontrolle der sozialen Kontakte („Kontaktverfolgung“) und Quarantäne / Isolation. Entweder Isolation einzelner potenziell ansteckender Menschen oder präventive Isolation bestimmter Regionen. Tja, geht das noch „selbstbestimmt“?? Was passiert, wenn Menschen sich weigern, ihre Kontakte preiszugeben oder nicht in Isolation gehen wollen? Wer setzt Grenzen zwischen Ländern oder Regionen durch? Wie verträgt sich das mit der Forderung nach offenen Grenzen?

5) Der Staat sorgt für die Finanzierung, indem er Steuern auf hohe Vermögen und Einkommen erhebt. Welcher Staat? Schließlich geht es ja um ganz Europa. Also die EU oder die einzelnen Nationalstaaten mit ihren sehr unterschiedlichen Ressourcen. Irgendwie verteilen soll „er“ (welcher Staat auch immer) das auch, aber unter dem Druck selbstbestimmter und -organisierter Menschen …

„Hört auf die Wut des Volkes“ – Generalstreik 2010 in Le Havre, Frankreich, 2010

Wenn wir aus dieser Kampagne einen positiven Gedanken ziehen wollen, dann den, dass der Widerspruch zwischen sozialer Isolation im privaten Bereich und Weiterlaufenlassen der Wirtschaft sowie die sozialen Ungerechtigkeiten thematisiert werden. Es täte allerdings besser, über diese Widersprüche in der Welt um einen herum offen zu diskutieren, statt Antworten vorzugaukeln, die keine sind!

Permanenter Notstand im Betrieb?

Als ab März die Horrormeldungen aus Spanien und Italien rumgingen, ist wohl kaum jemand unberührt geblieben. Die Angst vor einer individuellen Ansteckung mit der Krankheit hat erstmal alles andere in den Hintergrund gerückt. Kurzarbeitergeld und staatliche Hilfen haben die Angst vor Einkommensverlusten für viele gemildert. Dann griff die Angst vor den politischen Maßnahmen um sich, die auch der deutsche Staat ergreift, um die Krise beherrschen zu können. Heute wiederum drängt sich langsam, zwar nicht überall, aber in vielen Betrieben, die Angst vor dem eigenen wirtschaftlichen Absturz in den Vordergrund: vor Entlassungen, Lohnkürzungen und mehr Arbeit in weniger Zeit.

NYC_Corona_ProtestStändig in Angst zu leben, ist nicht schön, sie lähmt; Wenn wir hinter unseren Ängste etwas Positives finden wollen, können wir in ihnen vielleicht einen Wunsch nach gesunden und sozial gerechten Lebensbedingungen und einen nach gesellschaftlicher Selbstbestimmung entdecken. Nur wie können solche Ziele in der Falle zwischen Krankheit, ökonomischen und politischen Zwängen formuliert und durchgesetzt werden?

Wir fragen uns, wie sich die Situation in den Betrieben nach einem halben Jahr „Corona- Notstand“ und vor dem Auslaufen staatlicher Sicherungsmaßnahmen und der zu erwartenden Verschärfung der wirtschaftlichen Krise im Herbst heute darstellt.

Grob gesagt, geht es uns darum, nachzufragen,

  1. welche Maßnahmen von Betrieben getroffen wurden, um das Ansteckungsrisiko und Ausfälle zu vermindern,
  2. ob und wie diese Maßnahmen von den Betrieben als Möglichkeit zur Rationalisierung dauerhaft beibehalten werden sollen und
  3. wie diese Maßnahmen die Möglichkeiten der Arbeitenden, sich gegen den wirtschaftlichen Druck der Unternehmer zu wehren, beeinflussen.

Wir wollen eine Umfrage starten, um eine Idee davon zu bekommen, an welcher Stelle die größten und drängendsten Schwierigkeiten bestehen. Es hat sich mancherorts viel verändert: So hast du bspw. Kurzarbeit oder Home Office möglicherweise als Chance erlebt, der Ansteckungsgefahr im Betrieb zu entkommen. Wenn man dann alleine zu Hause sitzend die Kündigung oder die Nachricht von betrieblichen Umstrukturierungen erhält, können einem die Kollegen und Kolleginnen fehlen. Oder dir können die Maßnahmen zur räumlichen und zeitlichen Isolierung (wie versetzte Schichten, Kontaktverbote etc.) auf die Füße fallen, weil sie anfangs vielleicht einen gewissen Ansteckungsschutz versprachen, aber heute verhindern sie eine gemeinsame Verständigung mit den Kolleginnen und Kollegen, wie man zusammen die Arbeitsbedingungen verbessern kann oder schlicht Betriebsschließungen verhindern kann.

Besonders krass ist es dort, wo ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter zu niedrigen Löhnen arbeiten und wenn Infektionen auftreten – Quarantänemaßnahmen verhindern, dass sie inner- und außerhalb des Betriebes zusammenkommen und sich Gehör verschaffen.

Diese Umfrage sollte nicht virtuell bleiben, sondern in persönlichen Interviews und Gesprächen vertieft und ihre Ergebnisse hoffentlich auch in öffentlichen Veranstaltungen gemeinsam diskutiert werden. Dort könnten dann auch Ideen entwickelt werden, wie wir gemeinsam praktisch – im Rahmen unserer Möglichkeiten – handeln können.

Also haben wir haben uns ein paar Angebote ausgedacht und rufen euch auf, mitzumachen:

  1. ein recht kurzer (Internet-)Fragebogen: (Link)
  2. die Möglichkeit, Kontakt mit uns aufzunehmen und ein persönliches Gespräch zu führen. Wir können verabreden, ob und wie wir das in einer…
  3. Sammlung von Berichten / Interviews aus Betrieben veröffentlichen. Selbstverständlich nur in einer Form, die ihr selber wünscht und selbstverständlich anonymisiert!
    Einen ersten Anfang haben wir mit drei Übersetzungen von Interviews aus London vom Blog „Let’s get rooted“ gemacht (https://letsgetrooted.wordpress.com).

    Zum einen eines mit einem Londoner U-Bahn- Fahrer: (Arbeiten im Londoner Untergrund).
    Zum zweitens eines mit einer Hebamme aus London: (2007_London_Interview_NHS)
    Schließlich eines mit einer Krankenschwester in Ausbildung: (2008_London_Pflegerin)

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern…

1965 veröffentlichte der Liedermacher Franz Josef Degenhardt das Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“.  Es ging ihm Mitte der 60er Jahre um die verlogene Nachkriegsgesellschaft: Ein Junge aus vielleicht besserem Hause, der viel lieber bei den Kindern der armen Nachbarschaft spielt, jedoch von seiner Familie gezwungen wird, auf das Gymnasium zu gehen und den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen. Dem beugt er sich schließlich, wird verbittert und tritt aus Selbsthass gegen seine ehemaligen Spielkameraden.

Das hat nichts mit Viren und Epidemien zu tun, aber einen Anknüpfungspunkt an die aktuelle Situation bietet sich doch: Die Gefahr, dass die geforderte „Soziale Distanzierung“ auch tatsächlich als eine soziale, also gesellschaftliche Distanzierung wirkt.

Wir haben uns ein paar Gedanken zu anstehenden zweiten Phase der „Corona- Krise“ gemacht. Leider müssen wir momentan auf eine öffentliche Debatte verzichten, aber ihr seid herzlich eingeladen, euch zu äußern, eure Gedanken mitzuteilen – auch Kritik!

Da der Text etwas länger ist (sechs Seiten), haben wir ihn als PDF- Datei bereitgestellt.

Link ist hier!

Wir freuen uns, euch hoffentlich bald wieder treffen zu können!

 

Das Virus und die Apokalypse?

Wie alle anderen müssen auch wir unsere öffentlichen Veranstaltungen bis auf Weiteres absagen.

Wir sind durchaus zwiegespalten; erhöhte Sensibilität angesichts einer durchaus ernsthaften Krankheitswelle ist wichtig. Auf der anderen Seite gibt es auch ein großes Bedürfnis, die gesellschaftliche Situation zu diskutieren, um nicht in Panik zu verfallen.

Letztendlich geht es nicht nur um ein individuelles Erkrankungsrisiko, sondern auch um die sozialen Auswirkungen eines Wirtschaftssystems, das auf einer immer stärkeren Polarisierung beruht und nun droht, vollends zu kollabieren. Wenn es lediglich auf ein „Weiter so!“ hinausläuft, sind es bestimmt nicht die Brüder Aldi oder Friedel Merz, die Angst um ihr Überleben haben müssen! Die „große Politik“ spiegelt sich auch im Kleinen, im Alltag und im Betrieb wider: Wer ein Häusken mit großem Garten, einen Verwaltungsjob und ein gutes Einkommen hat, macht Home Office, fürchtet keine Ausgangssperre und lässt sich von bediensteten Paketboten alles Notwendige auf die Garageneinfahrt legen. Wer in einer engen Mietwohnung lebt, Handarbeit leisten muss und ein unsicheres Einkommen hat, muss zur Arbeit kommen, mit vielen in einer Halle zusammen oder in Kundenkontakt arbeiten und fühlt sich vielfach noch von den Kollegen und Vorgesetzten im Büro getriezt, weil die alles Risiko auf ihn abschieben. Oder er oder sie kann wochenlang mit den Kindern in der kleinen Wohnung zubringen.

Sozialer Kontakt ist notwendig!

Aus diesem Grund haben wir einige Gedanken formuliert.

Zum ersten die medizinischen Erkenntnisse – relativ verbreitet sind die virologischen, d.h. das Wissen über den unmittelbaren körperlichen Ablauf, den eine Infektion beim Einzelnen hervorruft. Wenig bekannt ist dagegen das epidemiologische (Nicht-)Wissen über die gesellschaftliche Ausbreitung, ihre Wege und Voraussetzungen.

Der Link zu unserem Text zu diesem Thema hier: hier!

Zum zweiten die fast noch wichtigere Diskussion um die gesellschaftlichen Entwicklungen, die durch das Virus nicht hervorgerufen worden sind, sondern nur eine enorme Beschleunigung erfahren haben. Das ist der Punkt, über den wir uns austauschen müssen!!

Link zu unserem Text zu diesem Thema: hier!

Wir würden uns freuen, wenn der eine oder die andere Interesse hätte, und sich bei uns melden würde, entweder über die Kommentarfunktion oder über die Emailadresse: laiens.club@gmx.de

Phantasie – Lernen

Oskar Negt: „Soziologische Phantasie und Exemplarisches Lernen“ in der Arbeiterbildung

Dienstag, 28.Januar 2020

19.30 Uhr

Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

In der ersten Veranstaltung nach dem Jahrzehntwechsel knüpfen wir an frühere Veranstaltungen an, wie etwa an die über das Theater der Befreiung oder über Identitätspolitik.

Wir wollen uns damit beschäftigen, wie eine emanzipative Arbeiterbildung aussehen könnte.

Alles, was wir erleben, interpretieren wir; dabei greifen wir auf (in der Schule, in der Familie …) teils bewusst, teils unbewusst gelernte Erklärungsmuster zurück. Zudem diskutieren wir mit anderen über unsere Erlebnisse. Lernen ist also zum einen ein ständiger und zum anderen ein kollektiver Prozess. Allerdings verläuft Lernen selten gradlinig und noch seltener widerspruchsfrei. Und: Unsere Umwelt verändert sich ständig. Deswegen kann das, was wir in der Vergangenheit gelernt haben und stimmig war, heute schon überholt sein. Ein anderer Aspekt ist die oft fehlende Übereinstimmung von Denken/Erkenntnis/politischer Überzeugung und Handeln. Häufig handeln wird anders, als wir eigentlich wollen oder sollten und strampeln uns tiefer in den Morast, statt herauszukommen.
Die Frage ist: Wie können wir Lernprozesse so gestalten, dass wir unter Einbeziehung unserer Erfahrungen von gestern, Antworten auf die Fragen von heute finden können und wie können wir eine bewusste Haltung oder einen Standpunkt zu den Dingen, politischen Fragen, gesellschaftlichen Problemen entwickeln, die in Übereinstimmung mit unseren politischen Überzeugungen steht?

Die gesellschaftlichen Fragen, denen wir uns stellen müssen, tauchen vorrangig in Bezug auf die Arbeit auf: Arbeit ist im persönlichen Leben ein und im gesellschaftlichen Leben der zentrale Bereich. Gemeinsames Lernen, wie wir uns als Lohnabhängige auf der Arbeit verhalten oder verhalten sollten, steht im Zentrum aller Bemühungen um eine Umgestaltung der Welt.
Nun stehen dort Gewerkschaften für den Anspruch, die Interessen der Lohnabhängigen zu organisieren. Sie machen heute vor allem Rechtsschulung für Betriebsräte oder Organizing-Training. Damit bieten sie praktische Handreichungen, um sich den Unternehmern gegenüber besser behaupten zu können. Braucht es mehr?

Wir denken: „ja!“, denn, was über diese, auf den Arbeitsplatz eingegrenzte Betrachtung verloren geht, ist, dass die dort auftretenden Konflikte essenziell mit Konflikten in anderen gesellschaftlichen Bereichen verbunden sind: Der Lohn ist niedrig und die Miete (in Relation dazu) zu hoch, eine zu große Arbeitsbelastung lässt uns zuhause die Nerven verlieren,sodass wir Krach mit dem Partner / der Partnerin bekommen, wir wollen uns qualifizieren und die Mitbewerber auf dem Arbeitsmarkt ausstechen, beklagen jedoch gleichzeitig den Verlust von Kollegialität und vieles mehr.
Um den Zusammenhang zwischen all diesen Faktoren zu erkennen und diese Erkenntnis in Handlung zu übersetzen, müssen wir uns gemeinsam Gedanken machen: das heißt „(Arbeiter-)Bildung“.

Um einen Einstieg in dieses Thema zu bekommen, greifen wir auf Anregungen aus dem in den 70er Jahre viel diskutierten Buch „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie und Praxis der Arbeiterbildung“ des Soziologen Oskar Negt zurück. Es erschien 1968, basiert aber auf Texten, die Negt ab den frühen 1960er Jahren als Mitarbeiter in der Bildungsabteilung der IG Metall geschrieben hat.

2001_ExLernWas können wir davon mitnehmen, um etwa im Rahmen des Laien’s Clubs oder woanders besser, konstruktiver und unvoreingenommener miteinander diskutieren zu können? Also vor allem, ein offenes Gespräch zu ermöglichen und nicht, eine fertige Überzeugung zu verbreiten!

Eine Zusammenfassung einiger Kerngedanken von Negt gibt es hier: Negt_Einfuehrung

„Wir halten den Betrieb besetzt“

Buchvorstellung und Film: Betriebsbesetzung des Zementwerkes Seibel & Söhne im westfälischen Erwitte im Jahr 1975

Dienstag, 26.11.2019, 19.30 Uhr im Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

1911_buchcover
Wer quält uns auf der Arbeit?
– Die Chefs und die Hierarchie
– Der Markt, der uns zwingt, uns unseren Kollegen gegenüber als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt zu verhalten

Wäre es nicht schön, wenn wir unser Leben gemeinsam organisieren würden und zusammen zu beschließen, was wir brauchen und wie wir das herstellen?

Das ist sozusagen die geschichtliche „große Frage“ nach dem Sozialismus: Eine Gesellschaft, in der es kein Privateigentum gibt und die Menschen selbstbestimmt arbeiten. Dass wir noch nicht in solch einer Gesellschaft leben, hat weniger mit einem göttlich bestimmten oder vom Gen-Code diktierten „Wesen des Menschen“ zu tun, als vielmehr mit den großen Schwierigkeiten, die zu lösen sind:

– Wie stellen wir uns in einer Weltgesellschaft einen Entscheidungsprozess über das vor,     was gebraucht wird?
– Wie sollten globale Produktionsprozesse gemeinsam organisiert werden?

In kleinen Lebenseinheiten, in der Familie, einem Stadtviertel oder Dorf oder einem überschaubaren Betrieb ist es zwar schwer, sich zu einigen, Rücksicht zu nehmen, u.U. zugunsten anderer zurückzustecken, es ist aber vorstellbar. Jedoch im Großbetrieb, einer Stadt, einem Kontinent, der Welt?? Fragen der Kommunikation müssen gelöst werden. Die Arbeitsteilung, aus der sich Hierarchien entwickeln, muss in Frage gestellt werden. Verbindlichkeiten müssen eingegangen werden u.v.m.

In den bisherigen Revolutionsversuchen der letzten 150 Jahre standen sich oft zwei unterschiedliche Lösungsansätze gegenüber:

Zum einen sog. „syndikalistische“ Ansätze; die deutsche Bezeichnung „Syndikalismus“ kommt vom französischen Wort „syndicat“, das seit dem 19.Jahrhundert einen Zusammenschluss von Arbeitern und Arbeiterinnen sowohl auf lokaler, als auch auf betrieblicher Ebene meinte. Es geht also über die heutige Gewerkschaft hinaus. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es auch in Deutschland eine starke syndikalistische Massenbewegung vor allem im Ruhrgebiet und in Thüringen. Sie setzte sich für einen freiwilligen Zusammenschluss der Arbeiter ohne eine zentralistische Verwaltungsstruktur und für eine lokale und betriebliche Selbstverwaltung ein. In diesem Zusammenhang gab es einige Betriebsbesetzungen und Versuche, bspw. Bergwerke und Stahlproduktion selbstorganisiert weiterzuführen.
Demgegenüber haben sich historisch die Ansätze durchgesetzt, die auf eine staatliche Verwaltung, also die Planwirtschaft setzten. Das ist spätestens 1989 zusammengebrochen und heute regiert wieder der „freie Markt“…
Arbeiter und Arbeiterinnen setzen jedoch auch immer wieder auf einer „kleinen Ebene“ das Mittel der Betriebsbesetzung ein. Oft war und ist es ein Weg des Überlebens in Krisenzeiten, wenn sich die Besitzer vorübergehend aus dem Staub gemacht haben, um sich nicht weiter um „ihre“ ArbeiterInnen kümmern zu müssen und fälligen Schulden zu entgehen. ArbeiterInnen übernehmen den Betrieb und führen ihn in eigener Regie weiter.

So bspw. seit 2012 bei der griechischen Kooperative Vio.me in Thessaloniki (Link zur deutschen Webseite) oder die seinerzeit zu Unilever gehörende Teeverpackungsfabrik Fralip in Gemenos bei Marseille (Link zur Artikelsammlung bei Labournet). Beide wurden nach harten Arbeitskämpfen von den ArbeiterInnen übernommen.
In anderen Situationen setzen Arbeiter und Arbeiterinnen die Besetzung ein, um den juristischen Eigentümer zu „erpressen“. Damit sind wir endlich bei der Besetzung des Zementwerkes Seibel & Söhne und im Jahr 1975!!

Näheres in einem Artikel der Zeitschrift „Graswurzelrevolution“ Nr. 396:
„Provinzielle Arbeiter gegen Parvenue-Kapitalist!1909_Erwitte
Vor 40 Jahren fand in Erwitte der längste Firmenstreik in der Geschichte der BRD statt (…)“ (hier der Link zum Artikel)

Wir wollen das Buch von Dieter Braeg inkl. einiger Filmdokumente vorstellen und anhand dieses und anderer Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit diskutieren, was wir in der oben angebeuteten „großen“ oder auch der „kleinen“ Perspektive von Betriebsbesetzungen halten!

1911_viomiArtikel über vergangene oder laufende Betriebsbesetzungen (zu ergänzen!)
Lip oder die Macht der Fantasie. Ein Lehrbeispiel für Kommunikation und Demokratie

(hier der Link zum Artikel)

Pierburg: Ihr Kampf ist unser Kampf

Buchvorstellung „Wilder Streik – Das ist Revolution. Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973“ von Dieter Braeg und Dokumentarfilm (Regie: Edith Schmidt, David Wittenberg)

Dienstag, 30.Juli 2019 — — — 19.30 Uhr im Mieterpavillon — — — Friedrich-Naumann-Str.7

13. August 1973: Weil sie trotz harter Akkordarbeit nach der untersten Lohngruppe 2 bezahlt werden (4,70 DM pro Stunde), starten die migrantischen Arbeiterinnen bei dem Neusser Vergaserhersteller Pierburg für fünf Tage einen »wilden Streik«. Von den insgesamt 3800 Beschäftigten sind 70 Prozent Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die Mehrzahl davon Frauen. Die Arbeitsmigrantinnen demonstrieren gegen die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen, fordern »Eine Mark mehr« und treten insgesamt für bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen ein. Nach und nach schließen sich die deutschen Kolleginnen an, und die Stimmung auf dem Pierburg-Gelände erlangt zuweilen Festcharakter. Erst als klar wird, dass die Streikenden dabei sind, die gesamte deutsche Automobilindustrie lahmzulegen, kommt es zu ernsthaften Verhandlungen zwischen Belegschaft und Werksleitung: die Leichtlohngruppe 2 wird abgeschafft, der Lohn erhöht.

1609_Pierburg_1Der Film dokumentiert den Streik. Edith Schmidt-Marcello und David H. Wittenberg haben das Material, das während des Streiks von unterschiedlichen Akteurinnen vor Ort gedreht wurde, in Absprache mit den Streikenden montiert und mit eigenen Filmaufnahmen ergänzt.

ergänzende Texte:

Wilder Streik bei Pierburg: Freudentänze mit Facharbeitern
14. August 2018

Vor 45 Jahren traten die Arbeiterinnen der Neusser Vergaserfabrik Pierburg in den Ausstand. Der damalige stellvertretende Betriebsratsvorsitzende erinnert sich an einen der legendärsten Streiks der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte

Dieter Braeg arbeitete von 1971 bis 2004 beim Automobilzulieferbetrieb Pierburg in Neuss. Hier war er zehn Jahre im Betriebsrat tätig. Zum vierzigsten Jahrestag des Pierburg-Streiks hat er einen Sammelband mit historischen Dokumenten zum Streik von 1973 herausgegeben.

Dein Buch über den Arbeitskampf bei Pierburg heißt »Wilder Streik – Das ist Revolution«. Was hat es mit dem Titel auf sich?

Der Titel geht auf eine Aussage des damaligen Polizeidirektors von Neuss gegenüber einem Journalisten zurück. Mit dem Verweis auf den »revolutionären Charakter« des Streiks versuchte er, die brutalen Übergriffe der Polizei gegen die Arbeiterinnen zu rechtfertigen. Bereits unmittelbar bei Streikbeginn zur Montagsfrühschicht um sieben Uhr hetzte die Firmenleitung über Notruf die Polizei auf die Arbeitsunwilligen vor den Werktoren. Die setzte Knüppel gegen die Kolleginnen ein. Die Staatsmacht schätzte die Streikbewegung als so gefährlich ein, dass sie bereit war mit repressivsten Methoden dagegen vorzugehen.
(…) Link zum kompletten Artikel

Link zu Sonderseite zum Buch und Film bei Labournet Deutschland, mit Rezensionen, Filmausschnitten etc.

Zwei Links (Pierburg_Interview_1 und Pierburg_Interview_2) zu einem Abschnitt aus seinem Buch: „Das wichtigste ist, dass eine Gesamtbelegschaft ein gemeinsames Interesse hat“. Unter dem Titel verbirgt sich ein langes Interview mit ihm über seine Erfahrungen als Betriebsrat und politisch Aktiver bei Pierburg; es geht schwerpunktmäßig um die „Gastarbeiter(innen)“, deren Lebens- und Arbeitssituation, deren politischen und alltäglichen Widerstandsformen und um die Auseinandersetzungen innerhalb der gesamten Belegschaft und die Haltung der Gewerkschaft. U.a. mehr. Sehr lesenswert!

Existenzgeld, Bedingungsloses Grundeinkommen, Bürgergeld…

Diskussionsveranstaltung am Dienstag, 28.Mai 2019, 19.30 Uhr
Mieterpavillon, Friedrich-Naumann-Str.7

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Zeitschrift der Westberliner Haschrebellen, Anfang der 1970er

Ein sicheres Einkommen ohne Arbeit – wer könnte da schon „nein“ sagen?? Seit Jahren geistert immer wieder die Idee eines steuerbasierten Grund-einkommens durch das Land. Jede und Jeder soll unabhängig von den Zwängen des Marktes und der Drangsalierung durch die staatliche Arbeitskräfte-verwaltung ihr/sein (Über-)Leben garantiert bekommen.
Linke begründeten vor 40 Jahren die Notwendigkeit eines sog. Existenzgeldes mit der Erwartung technologischer Rationalisierung und nachfolgender Massenarbeitslosigkeit bei gleichzeitig enormem gesellschaftlichen Reichtum:

Uns eint, dass wir wissen: Angesichts einer Rekorderwerbslosigkeit von vier Millionen Menschen und einer massenhaften „Unterbeschäftigung“ von weiteren Millionen sind radikale Lösungen nötig, ohne der Illusion aufzusitzen, die Erwerbslosigkeit beseitigen zu können. Und das Existenzgeldkonzept ist eine einfache, aber zugegeben radikale Lösung und für uns ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit.“ (Bundesarbeitsgemeinschaft der Erwerbslosen- und Sozialhilfeinitiativen BAG-SHI – siehe Link)

Unternehmer dockten Jahre später an den Gedanken struktureller Massenarbeits-losigkeit an; einige meinten, ein garantiertes Grundeinkommen würde die Kreativität der Arbeitskräfte freisetzen und ihnen ermöglichen, vor allem in wenig rationali-sierungsfähigen Bereichen „Beschäftigung“ statt Lohnarbeit zu finden und sich so verwirklichen zu können, etwa in der Pflege, Kinderbetreuung oder der Öffentlichkeit dienenden Tätigkeiten:
Weil ich ein Mensch bin, habe ich ein ganz grundlegendes Menschenrecht. Mein Menschenrecht ist zu leben. Und erst wenn ich leben kann, kann ich auch arbeiten. Das Grundeinkommen ermöglicht die Arbeit. Das ist der entscheidende Punkt dabei. Mit einem BGE wird nicht die Arbeit bezahlt, sondern es ermöglicht sie erst.“ (Der Boss der Drogeriekette DM, Goetz Werner in einem Interview im Juli 2018 – siehe Link)

Werner vertritt eine Variante, in der alle Sozialversicherungen durch das sog. Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ersetzt und dieses allein durch massiv erhöhte Verbrauchssteuer finanziert werden soll. Damit werden vor allem die Arbeitgeber entlastet, da sie keine Beiträge zu Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung zahlen müssten. Andere unternehmensnahe Grundeinkommensideen setzen auf die negative Einkommenssteuer, bei der ein pauschaler Einkommenssteuersatz festgelegt und bei Lohnbezug die fällige Einkommenssteuer mit dem jedem zustehenden Bürgergeld verrechnet würde.

Das Bürgergeld verstößt gegen die Gerechtigkeit, weil die Gerechtigkeit verlangt, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Bürgergeld und Kopfpauschale dagegen behandeln Ungleiches gleich. Der Chauffeur und sein Chef zahlen die gleiche Pauschale und erhalten das gleiche Bürgergeld. Das widerspricht allem, was ein der gesunde Menschenverstand unter Gerechtigkeit versteht.

Das hat zwar der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) gesagt, doch einiges an seiner Argumentation ist sicher nach wie vor interessant („Grundeinkommen: Wahnsinn mit Methode“, in: DIE ZEIT, 19.04.2007 – siehe Link)
Blüm ging es um zweierlei: Zum einen um den Erhalt des Sozialstaates als Garant für individuell erarbeitete Versicherungsleistungen. Zum anderen aber sah er die Gefahr voraus, dass der Staat niedrige Löhne staatlich subventioniert („Auf die unteren Lohngruppen muss fortan in den Unternehmen nicht mehr geachtet werden. Der Staat bezahlt einen Mindestlohn“) und so den Unternehmern Geld sparen hilft, während die Bezieher solcher Löhne plusminus Null hätten.

Die in den letzten Jahren auf den politischen Tisch gelegten Modelle zielen in erster Linie auf die Verbilligung des „Faktors Arbeit“ für die Unternehmen und fügen sich damit in den neoliberalen Wettlauf ein. Durch die deutlichen Einschränkungen von Sozialversicherungsleistungen bei Krankenversicherung und Rente sowie die Ersetzungen der früheren Arbeitslosenhilfe durch Hartz IV als staatliche Grundsicherung sind die Weichen gestellt.

Wir wollen in unserer Veranstaltung mehrere kursierende Modelle eines Bürgergeldes vorstellen. Auf dieser Grundlage wollen wir diskutieren; weniger über ihre konkrete „Bezahlbarkeit“, sondern über

… den Zusammenhang zwischen Sozialpolitik und Arbeit(markt) / Sozialleistungen und Löhnen: Können und sollen staatliche Sozialleistungen sinkende Löhne ausgleichen?

… die Anspruchsbasis für ein solches Existenzgeld: Käme tatsächlich jede/r – z.B. auch MigrantInnen – in den Genuss solcher Transferleistungen?

… unsere eigenen Vorstellungen darüber, wie gesellschaftliche Gerechtigkeit erreicht werden könnte.
Zum Weiterlesen:
Darstellung verschiedener Modelle des Grundeinkommens: Bundeszentrale für Politische Bildung: „Grundeinkommen?“; Ausgabe 51 / 52 „Aus Politik und Zeitgeschichte“ – siehe Link

Liste mit Positionen von Parteien, Kirchen u.ä. Organisationen zum Grundeinkommen beim Netzwerk Grundeinkommen Hamburg – siehe Link

Kritische Bewertungen des Grundeinkommens:
Ralf Krämer: „Eine illusionäre Forderung und keine soziale Alternative – Gewerkschaftliche Argumente gegen das Grundeinkommen“, Oktober 2018 – siehe Link

Christoph Butterwegge: „Das bedingungslose Grundeinkommen: Basiselement eines Sozialstaates 4.0? Die Risiken und Nebenwirkungen eines Systemwechsels in der Wohlfahrtspolitik“ – siehe Link

Volker Braun: »Hinze-Kunze-Roman« und »Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer«

1903_Braun_IFreitag, 29.März 2019, 19.30 Uhr
MehrWertKultur,
Nobléestraße 13a in Heimfeld

 

Der im Mai 1939 in Dresden geborene Schriftsteller Volker Braun hat Gedichte, Theaterstücke und Romane geschrieben; neben Peter Hacks und Heiner Müller zählt er zu den bedeutendsten Dramatikern der DDR. Heute lebt er in Berlin.

 

Im Rahmen unserer Reihe mit Literatur aus der DDR wollen wir aus zwei Romanen von ihm lesen:

Der 1983 erschienen »Hinze-Kunze-Roman« hat die Widersprüchlichkeit der DDR-Gesellschaft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zum Thema:

»Wer sind Hinze und Kunze? Wie die Redensart es will und der real existierende Sozialismus, sollten sie Gleiche sein; um so auffälliger, dass sie es nicht sind. Kunze ist Funktionär, Hinze ist sein Fahrer. Kunze sagt wohin und Hinze fährt den schwarzen Tatra durch die Republik. Vorwärts, das ist ihre Richtung.« (aus der Beschreibung des Suhrkamp-Verlages)

»Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer« erschien 2008. Eine Art Schelmenroman?

Der Meister Flick aus Lauchhammer war zu DDR – Zeiten in der Braunkohle der Lausitz der Held der Havarien und Katastrophen: Wenn er in seiner Kluft, mit rotem Helm und Karabinerhaken am Koppel auftauchte, wurde es ruhig. Doch nach der Wende schickte man ihn zum Arbeitsamt, man brauchte ihn nicht mehr. In der Folge zieht der an seiner Arbeit Hängende mit seinem »faulen und gerechten« Enkel Luten durch die Lande. Das ungleiche Paar aus alter und neuer Zeit erlebt allerhand z.T. groteske Abenteuer zwischen Arbeitsamt, 1€-Job, Abrisskolonnen, Theatermachern, polnischen Tagelöhnern, Prostituierten, Streikenden und vielen anderen.

Zum Autor:
Sein Vater war ein Kunst liebender Buchprüfer. Nach dem Abitur arbeitete er vier Jahre in einer Druckerei, als Tiefbauarbeiter im Kombinat Schwarze Pumpe in Hoyerswerder und als Maschinist im Tagebau Burghammer. 1960 fand er sich in einem „Zirkel schreibender Arbeiter“ ein, der von Brigitte Reimann geleitet wurde; sie notierte in ihrem Tagebuch:
„Vorige Woche hat sich der Zirkel schreibender Arbeiter konstituiert. Von 20 Eingeladenen waren 4 erschienen; keine Potenzen nehme ich an. Nur der kleine Volker Braun, Abiturient und seit 4 Jahren in der Produktion, scheint begabt zu sein.“
Im selben Jahr begann er an der Universität Leipzig ein Studium der Philosophie. Ein paar Jahre später arbeitete er auf Einladung von Helene Weigel als Dramaturg am Berliner Ensemble. Der Einmarsch des Militärs der Ostblockstaaten in Prag ließ ihn seinen uneingeschränkten Enthusiasmus für den Aufbau des staatlichen Sozialismus in der DDR kritisch hinterfragen, ohne jedoch die DDR selbst in Frage zu stellen.
Das Umgehen des Staates mit seiner Person schwankte zwischen der intensiven Überwachung durch die Staatssicherheit und öffentlichen Preisverleihungen.
„Während der friedlichen Revolution 1989 gehörte er zu den Befürwortern eines eigenständigen „dritten Weges“ für die DDR und geladener Erstunterzeichner des Aufrufs „Für unser Land“. Nach der Wiedervereinigung beschäftigte er sich kritisch mit den Gründen für das Scheitern der DDR. In diesem Zusammenhang steht auch seine Zusammenarbeit mit der von Wolfgang Fritz Haug herausgegebenen westlich-marxistischen Zeitschrift „Das Argument“.
Volker Braun leitete 2006–2010 an der Akademie der Künste (Berlin) die Sektion Literatur. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.“ (Wikipedia)

Das Gedicht „Das Eigentum“ von 1990:

Das Eigentum
Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.
KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magre Zierde.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.
Und unverständlich wird mein ganzer Text.
Was ich niemals besaß wird mir entrissen.
Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.
Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.
Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.
Wann sag ich wieder mein und meine alle.